Christiane Luderer

Qualität und Ethik

Qualität und Ethik sind in der Palliativpflege ein wichtiges Tandem
Qualität und Ethik sind in der Palliativpflege ein wichtiges Tandem, Foto © Christiane Luderer

Christiane Luderer

Tandem oder Widerspruch in der Palliative Care?

Qualität und Ethik haben in der Palliativpflege einen hohen Stellenwert. Stets um die bestmögliche Lebensqualität der sterbenden Menschen bemüht, geraten Pflegende dabei auch immer wieder in moralische Konfliktsituationen. Was liegt dem zugrunde und wie können Qualität und Ethik in der Palliative Care zu einem erfolgreichen Tandem werden? Eine Expertin beleuchtet diese komplexen Vorgänge.

Qualität und Ethik in der Pflege gelten als zusammengehörig und auf den ersten Blick vereinbar. Doch auf den zweiten Blick offenbaren sich Widersprüche: Die Ansprüche an Qualität sind aus der Sicht der Pflegenden selbst, der Institutionen und Prüfinstanzen hoch. Doch die Qualitätsmerkmale einiger pflegerischer Angebote sind den Pflegebedürftigen situativ nicht immer plausibel (Gillespie et al., 2017), sodass Zweifel an Kriterien und Messverfahren bestehen (Hasseler & Stemmer, 2018).
In der Palliativpflege, wo die Bedürfnisse auf den Komfort und die Lebenswelt sowie auf die Integration und die Gestaltung sozialer Momente gerichtet sind, treten verrichtungsorientierte Qualitätsaspekte in den Hintergrund (Kränzle, 2011). Hier sind Zufriedenheit und Komfort der Patientinnen und Patienten sowie ihrer An- und Zugehörigen wichtigstes Qualitätskriterium und moralische Verpflichtung zugleich.
Wissen und Gewissen
Dass eine hohe Versorgungsqualität das Ziel der Pflege sein sollte, ist unbestritten. Qualität im Kontext ethischer Betrachtungen meint, eine Pflege anzubieten, die nach bestem Wissen und Gewissen die bestmögliche Versorgung sicherstellt (Hasseler et al., 2016). Eine Pflege nach „bestem Wissen ist allerdings nur solange moralisch vertretbar, solange dieses Wissen auf aktuellem Stand ist und die Anforderungen an die bestehende Qualifikation erfüllt (Meyer & Köpke, 2019). Trotz des unterschiedlichen Maßes der Verantwortungsübernahme in den verschiedenen Qualifikationsebenen der Palliativpflege gilt für alle: Nicht-Wissen-Wollen oder passives Auslassen der Aneignung von relevantem Wissen ist eine Übertretung ethischer Grenzen (Büscher & Blumenberg, 2018).
Das „gute Gewissen von Pflegenden wurde in Studien mehrfach untersucht und die Befunde sind ernüchternd: Häufig fühlen sich Pflegende in moralischem Stress, weil sie die Vereinbarkeit von Wissen und Gewissen nicht herstellen können (Ryan et al., 2017; Schluter et al., 2008). Der Grund dafür ist das Verpflichtungsgefühl der Pflegenden, das durch ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein im helfenden Beruf zu erklären ist (Amiri et al., 2018). Wenn Pflegende sich sicher fühlen, dass ihr Handeln im Sinn der von ihnen Gepflegten ist, empfinden sie weniger moralischen Stress, auch wenn Sie dieses Handeln gemessen an ihren eigenen Maßstäben anders beurteilen würden.
Besonderheiten in der Palliativpflege
Im palliativen Bereich sind die Interessenvertretung der Pflege und das Achten auf eine sichere Umgebung besonders ausgeprägt. Diese beiden Aspekte werden vom International Council of Nursing (ANA, 2015) als traditionelle Verantwortungsbereiche der Pflege definiert. Andere, aus ethischer Perspektive ebenso relevante Aufgabenbereiche haben sich erst jüngst als Qualitätsdimensionen entwickelt und finden in der Palliativpflege Berücksichtigung. Hier sind
  • die interprofessionelle Zusammenarbeit (Frenk et al., 2010)
  • die Berücksichtigung interkultureller und interreligiöser Bedürfnisse (Leufgen, 2018) und
  • die evidenzbasierte Arbeitsweise (Meyer & Köpke, 2019)
zu nennen. Aus diesen verschiedenen Ansprüchen an die Qualität von Pflege erwächst eine hohe Komplexität und es offenbart sich ein Defizit der geltenden Qualitätsdefinitionen: Empathiefähigkeit, Erwachsenen-Identität sowie die Fähigkeit, Wertschätzung, Integrität, Kulturverständnis und Spiritualität in die Pflege zu integrieren und Tabus oder Versorgungswünsche zu thematisieren, sind Kompetenzen, die besonders in der Palliativpflege von hoher...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 46 / 2020

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Grundlagen