Praktiker rezensieren

© BillionPhotos.com/stock.adobe.com
Christoph Metzger
Neuroarchitektur
JOVIS Verlag, Berlin 2018 ISBN 978-3-86859-468-3224 Seiten mit ca. 160 farb. Abbildungen € 29,80 (D)
Auwei da müssen wir aber alle ordentlich umdenken, wenn man sich die praktische Bedeutung der Überlegungen von Christoph Metzger vor Augen führt. Um es gleich vorweg zu sagen: Einen anschaulicheren und nachhaltig inspirierenderen Anlass, über Pflege, Pflegearrangements und die Gestaltung von Versorgungssettings nachzudenken, als sein Plädoyer für eine multisensorische Wohnkultur in seinem Buch „Neuroarchitektur ist im Moment kaum vorstellbar. Der Titel klingt zwar medizinisch-technisch und weckt Erwartungen an eine evidenzbasierte Argumentation, aber die will der Autor genau in dem Sinne gar nicht erfüllen. Christoph Metzger ist von Haus aus Künstler (Professor für „Kunstwissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschichte und Theorie der Klangkunst an der Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig). Sein Ansatz ist konsequent anthropologisch-humanistisch (mit anthroposophischen Zügen): Er sieht den Menschen als auf Sinnlichkeit und Sinn angelegtes und auf Schutz und Unterstützung angewiesenes Wesen. Das erste realisiert sich in seinem Bedürfnis nach Ästhetik, Genuss und Aktivität, das zweite im Wohnen.
Um sein Anliegen nachzuvollziehen, führt er uns durch einen anschaulichen und auch im bloßen Lesen nachvollziehbaren Streifzug durch die Geschichte der sogenannten organischen Architektur. Da lernen wir keine Stilepochen kennen, sondern z.B. Antworten auf Fragen wie: Was ist eigentlich ein (Haus-)Dach? Was erzählt es den Menschen und was bedeutet es ihnen? und zwar äußerlich und innerlich. Wir sagen schnell daher: „Mir fällt heute die Decke auf den Kopf. Ja, warum denn? Weil die Decke nichtssagend und funktionalistisch ist. Ist es aber andererseits nicht faszinierend, sich einmal die Holzkonstruktion eines frei tragenden Dachstuhls anzuschauen, anstelle einer Betondecke?
Was hat das mit Pflege zu tun? Gar nichts, wenn man mit seinem Denken dicht an der Sauber,-satt-und-zufrieden-Mentalität hängt. Alles, wenn man pflegerische Versorgung als Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens versteht und einsieht, dass die Behausung des Menschen gerade derjenigen mit eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten dabei eine zentrale Rolle spielt. Denn ihr Bedarf an Ästhetik ist besonders groß. Ästhetisch meint dabei nicht den künstlerischen Ausdruck in einem bestimmten Medium, sondern die multisensorische Ansprache des Menschen: Hier bist du zuhause. Ästhetisch ist zum Beispiel die intakte Natur. Ästhetisch ist die durch Geruch, Haptik und Klang des Raums hervorgerufene Erinnerung oder Stimulation. Analog der Basalen Stimulation, die uns schon vieles über die Bedeutung von Sinnesreizen gelehrt hat (die dem Autor aber nicht bekannt zu sein scheint) geht Christoph Metzger von den neurologischen und psychologischen Grundlagen der Wahrnehmung aus, die unmittelbar an die Veränderung im Raum gekoppelt ist. Er erläutert die Bedeutung von Erinnerungen, die bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen über die Sinnlichkeit zur Bedeutung führt und nicht umgekehrt.
Wohnen ist Gemeinschaft und Identität, ist Interaktion und Rückzug, ist Konflikt und Schutz. Ein Raum hat und schafft eine Stimmung, die man im Glücksfall Heimat nennen kann. Das setzt aber voraus, dass das Heim als funktionierende Organisation unsichtbar wird.
Schaut man sich die vielen Bilder in diesem Band an, entsteht schnell der Eindruck einer teuren Architektur. Es werden edle Materialien bevorzugt, doch nicht aus Prestige, sondern weil sie eben die Sprache sprechen, die wir ganz lange noch verstehen werden, auch wenn uns die Worte fehlen. Anderseits ist es eine preiswerte Architektur, weil sie keine perfekte, glatte und damit auch monotone Welt vorstellen will. Was diese Architektur benötigt, ist viel Raum und Platz, damit sich das Leben entfalten kann. Anstelle kostspieliger circadianer Lichtarrangements, deren...
pflegen Demenz
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Demenz abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 47 / 2018

Herausforderung Migration

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Wissenschaft