Irena Schreyer

Migrant Care Worker: Kultur- und Kompetenzverschmelzung

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Irena Schreyer

Viele alte und schwerkranke Menschen werden zu Hause von osteuropäischen Haushaltshilfen, sogenannten Migrant Care Worker, betreut. Wenn Pflegekräfte und Haushaltshilfen gut zusammenarbeiten und Kompetenz und Kultur verschmelzen, profitieren alle Beteiligten. Mehr über die Win-win-win-Situation im folgenden Beitrag.

Im gesundheitlichen Versorgungsbereich fehlen Fachkräfte. Besonders in Bereichen, in denen eine intensive und zeitlich umfassende Betreuung von schwerkranken Menschen notwendig wird, ist nicht nur der Mangel an Pflegekräften ein Problem, sondern es ist auch schwierig, eine passende und bezahlbare Versorgungsform zu finden (Schaeffer & Ewers, 2013). Als (Not-)Lösung dienen häufig osteuropäische Haushaltshilfen, sogenannte Migrant Care Worker (MCWO).
Aktuell sind in Deutschland schätzungsweise 150.000 osteuropäische Haushaltshilfen tätig (Schirilla & Kiekert, 2016). Den größten Vorteil sehen die Familien in der hohen Präsenz dieser Personen. Ihnen ist wichtig, dass der (sterbende) Angehörige nicht allein ist und in der gewohnten Umgebung bleiben kann. Häufig werden diese Betreuungspersonen schon in die Familien geholt, wenn sich die kranken oder alten Menschen noch nicht in der Lebensendphase befinden. Erst im Versorgungsverlauf werden sie dann in die palliative Situation eingebunden und erwerben neben patientenbezogenen Kenntnissen oft auch Expertise im palliativen Bereich.
Praxisbeispiel: Pflege rund um die Uhr
Praxisbeispiel: Pflege rund um die Uhr
Olaf Konrad* leidet seit seiner Kindheit an einer seltenen Herzerkrankung und erkrankte im Alter von acht Jahren an Kinderlähmung. Seit drei Monaten befindet sich der jetzt 55-Jährige im Palliativ-Stadium, da sein Herz immer schwächer wird. Herr Konrad hat eine Tetraplegie und benötigt bei allen Tätigkeiten des täglichen Lebens Hilfe. Er kann noch selbstständig atmen und schlucken, ist aber kognitiv eingeschränkt. Er kann nicht sprechen, reagiert aber durch seine Mimik auf Ansprache.
Täglich wird Olaf Konrad mit dem Lifter aus dem Bett in den Rollstuhl gesetzt und verbringt den Tag dort. Morgens und abends kommt ein Pflegedienst, der die Körperpflege übernimmt, die Medikamente verabreicht und die Darmirrigation ausführt. Im Wesentlichen leitet der Pflegedienst den Tag ein und bringt Herrn Konrad abends zu Bett. Alle weiteren benötigten Unterstützungsleistungen werden durch Alfred Pavlović* durchgeführt. Er lebt im Haushalt und versorgt Olaf Konrad bereits seit fünf Jahren.
Zu den Aufgaben von Herrn Pavlović zählen die Unterstützung der Pflegeperson bei Mobilisation, Transfer und Körperpflege. Er geht täglich mit Herrn Konrad spazieren, kocht für ihn und seinen Vater, reicht ihm Essen und Trinken an und kümmert sich um den Haushalt sowie das Haus. Gleichzeitig ist er für alles Organisatorische zuständig.
Trotz der überwiegend nonverbalen Kommunikation besteht ein großes Vertrauensverhältnis zwischen Olaf Konrad und seinem Betreuer. Dies zeigt sich in einer deutlichen Reduktion seiner Spastik, wenn Alfred Pavlovic anwesend ist. Das erleichtert das Leben des Patienten und die Behandlung durch die Pflegenden des ambulanten Pflegedienstes.
*Der Name wurde von der Redaktion geändert.
Das Besondere an dem Pflegearrangement des Praxisbeispiels ist die Zusammenarbeit zwischen Pflegeperson und Betreuungskraft. Die Tabelle zeigt, welche Vorteile sich für Olaf Konrad aus dieser gemeinsamen Versorgung und der gemeinsamen Kommunikation ergeben.
Positive Aspekte der Zusammenarbeit
Während der gemeinsamen Versorgungstätigkeiten bietet sich die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Gibt es sprachliche Barrieren mit den osteuropäischen Betreuungskräften, ermöglichen Interaktion sowie die Veranschaulichung von Dingen und Situationen eine gute Verständigung ( s. Tabelle, A). Ist beispielsweise die Haut des Patienten gerötet, die Zahnprothese zu klein oder eine Wunde entzündet, können sich Pflegeperson und...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 40 / 2018

Kultur

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis