Volker Schulte, Christoph Steinebach

Innovationspotenziale der Palliative Care

Tischgemeinschaften − wie die „Tavolatas“ in der Schweiz − sind beispielhafte Angebote einer Caring Community
Tischgemeinschaften − wie die „Tavolatas“ in der Schweiz − sind beispielhafte Angebote einer Caring Community, Fotos: © : Migros−Kulturprozent, www.migros.kulturprozent.ch

Volker Schulte, Christoph Steinebach

Gesellschaftliche und familiäre Veränderungen erfordern auch ein Umdenken in der Palliative Care. Die Autoren zeigen an drei konkreten, ganz unterschiedlichen Beispielen, wie innovative zivilgesellschaftliche Projekte helfen, die Situation schwerkranker und sterbender Menschen zu verbessern.

Das Wort „Innovation wird gern und häufig verwendet. Doch was bedeutet es eigentlich? Der Begriff kommt vom lateinischen Verb „innovare und kann mit „neu machen oder „erneuern übersetzt werden. Eigentlich geht es darum, einen bekannten und etablierten Sachverhalt mit frischen Ideen zu verbessern (Schulte & Steinebach, 2014).
Warum soll in der Palliative Care innovativer gedacht werden?
Bei „innovativer Palliative Care geht es vor allem darum, die Lebensqualität von schwerkranken Menschen weiter zu verbessern und dies vor dem Hintergrund knapper Ressourcen. Für Palliativpatienten und -patientinnen gelten die gleichen Umbrüche wie in der Gesellschaft generell. Sie sind wie alle Menschen von einem Verfall (Fragmentierung) traditioneller Familienstrukturen betroffen.
Die gesamtgesellschaftlichen Umwälzungsprozesse führen zur Auflösung bisheriger sozialer Bindungen. Dies gilt auch und gerade für die traditionelle Kernfamilie, die besonders stark sozialen Veränderungen unterworfen ist. Das bedeutet auch, dass familiäre Strukturen zur Unterstützung von alten und kranken Menschen immer mehr verloren gehen.
Die Gesellschaft muss wegen der Individualisierung, der starken Alterung, der räumlichen Distanz von Angehörigen und der starken Mobilität Wege finden, um neue Unterstützungsstrukturen aufzubauen, die ergänzend zur ambulanten Pflege von Palliativpatientinnen und -patienten sozial integrierend wirken.
Es geht nicht darum, ambulante oder stationäre Assistenzleistungen auszutauschen, sondern darum, schwerkranke Menschen sozial besser zu integrieren (Hübenthal & Schulte 2016). Welche Innovationen sind hier nötig? Und auf welche Entwicklungen kann das palliative Setting aufbauen? Die folgenden innovativen Ansätze und Ideen sind bereits entwickelt, haben aber noch keine flächendeckende Verbreitung gefunden.
Gesellschaftliche Sorgekulturen
Der zivilgesellschaftliche Ansatz der „Caring Communities spielte in den USA bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren eine Rolle. Caring Communities stehen für ein sektor-, zielgruppen- und themenübergreifendes Konzept zur Bewältigung sozialer Aufgaben:
  • für die Bündelung von Unterstützungsangeboten in der Gemeinde,
  • für eine Stärkung der individuellen Mitverantwortung im öffentlichen Raum,
  • neue Beteiligungsansätze.
Caring Communities stehen auch für eine neue Denk- und Werthaltung. Die Akteure schaffen in einer Gemeinschaft soziale Angebote und machen sie neuen Teilnehmenden zugänglich. Unter einem weit verstandenen Begriff von „Care übernehmen sie dabei gesellschaftlich relevante Fragen der Sorge füreinander und für andere.
Tischgemeinschaften als organisierte Netzwerke
In der Schweiz hat man z.B. positive Erfahrungen mit Tischgemeinschaften, sogenannten Tavolatas (http://www.tavolata.ch), gemacht, die sich zu kleinen, tragenden sozialen Netzwerken entwickelt haben.
Tavolatas sind lokal organisierte Netzwerke, die wesentliche Aspekte von sorgenden Gemeinschaften beinhalten. Sie wurden nicht mit der Absicht gegründet, den Mangel an Fachkräften im Pflegebereich oder die Versorgungslücke zwischen zunehmendem Pflegebedarf und abnehmendem familiärem Pflegepotenzial zu schließen. Dennoch tragen sie zur sozialen Teilhabe bei und helfen, die Gesundheit und Lebensqualität älterer Menschen zu erhalten, die Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit zu reduzieren oder zumindest hinauszuschieben.
Die Mitglieder einer Tavolata treffen sich, weil sie gern gemeinsam essen. Sie gründen eine Tischrunde; interessierte Menschen schließen sich an. Die lokalen Tischgemeinschaften kommen in der Regel ein- bis zweimal im Monat an einem öffentlichen...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 38 / 2018

Innovation & Kreativität

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Grundlagen