Hygiene darf nicht den Alltag verhindern

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Eine Pflegerin berichtet

Ich finde das Thema Hygiene in einer Altenpflegeeinrichtung etwas übertrieben. Die Menschen leben dort und es ist ihr Zuhause. Aus meiner Sicht sind alle wegen der vielen Keime vollkommen übertrieben vorsichtig. Manche unserer Kolleginnen und Kollegen, die lange im Krankenhaus gearbeitet haben, tun so, als ob wir so steril arbeiten müssen wie in einem unfallchirurgischen Operationssaal. Ich wasche mir die Hände und desinfiziere sie, bevor ich ein Bewohnerzimmer betrete oder beim Essenanreichen helfe. Das ist selbstverständlich und kann auch nicht in Frage stehen.
Aber dass wir darüber diskutieren müssen, ob die Bewohner im Rahmen eines Konzeptes, dass sich Alltagsorientierung auf die Fahnen geschrieben hat, gemeinsam gewaschene Handtücher zusammenlegen dürfen, finde ich am Thema vollkommen vorbei. Die könnten dann wieder dreckig werden oder Keime können übertragen werden.
Nichts, was auch nur annähernd an Alltag erinnert, dürften wir dann tun. Hier geht es um Leben und Wohnen und nicht primär um die Behandlung von Erkrankungen. Von daher plädiere ich bei diesem Thema, die Sache etwas runter zu fahren und nicht hygienische Standards von Krankenhäusern unreflektiert zu übernehmen. Die Menschen in der Einrichtung leben hier und das sollte sich in ihrem Alltag widerspiegeln. Da wäscht man sich die Hände vor dem Essen, keine Frage. Ich muss sauber arbeiten, auch damit habe ich kein Problem. Aber keine übertriebenen Hygienemaßnahmen, die es den Menschen in der Einrichtung unmöglich machen, ihren Alltag wenigstens annähernd normal zu gestalten. Und dazu gehört für die jetzige Klientel zumindest bei den Frauen in der Mehrheit Haushaltstätigkeiten durchzuführen. Nur Bingo oder „Mensch ärgere dich nicht zu spielen, ist kein Alltag. Dazu gehört das Äpfel- oder Kartoffelschälen, Kochen, Putzen, Gartenpflege, Wäsche zusammen suchen und zusammenlegen, mal einen Spaziergang machen und bei einem Spiel entspannen. Und dazu gehört auch mal das Abschmecken von Speisen. Da kann es natürlich auch mal passieren, dass zwei Menschen den gleichen Löffel nehmen. Klar sollte das nicht passieren. Aber ganz ausschließen kann man das eben nicht. Aber deswegen gleich auf alles zu verzichten, ist doch vollkommen übertrieben. Zum Leben im Heim gehört nicht porentiefe Reinheit eines Krankenhauses. Sollte das das Ziel sein, können wir Normalität und Alltagsorientierung aus unseren Konzepten streichen.
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 48 / 2018

Hygiene

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis