Einen gemeinsamen Weg finden, das ist das Beste

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Eine Pflegerin berichtet

„Ich habe mich mit dem Thema schon eine Weile beschäftigt, seit so viele Menschen mit Migrationshintergrund zu uns nach Deutschland gekommen sind. Da ist mir aufgefallen, wie aktuell das Thema auch für die Pflege ist. Die Generation, die als sogenannte Gastarbeiter damals nach Deutschland geholt wurden – Sie haben sich hier viel versprochen und sich eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder gewünscht. Und dann sind sie doch nicht wieder wie geplant in ihr Heimatland gegangen und sind hier alt geworden. Und wie in Deutschland mit Alter und Pflege umgegangen wird, entspricht wohl nicht dem, was sie kennen. Pflege und Alter ist ein Thema für die Familie. Und jetzt stehen wir vor der Aufgabe, auch sie in Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu unterstützen.
Ich arbeite in der ambulanten Pflege und es kommt doch immer häufiger vor, dass wir in Anspruch genommen werden. Der Wunsch bei den Kunden ist, dass möglichst eine Pflegekraft kommt, die auch einen Migrationshintergrund hat. Möglichst natürlich ihren eigenen. Das ist aber größtenteils ein unerfüllbarer Wunsch, weil wir die entsprechenden Kräfte nicht haben bzw. es die Organisation der Touren nicht immer zulässt. So kommt es, dass auch ich an der einen oder anderen Stelle in solche Familien komme.
Und es ist ganz anders. Bei manchen ziehe ich die Schuhe vor der Wohnung aus. Das war für mich gewöhnungsbedürftig. Schon allein aus Fragen der Hygiene. Hilfreich war am Anfang meine türkische Kollegin. Die hat mich quasi ein bisschen an die Hand genommen, mir viel erklärt, mich auf „Stolperfallen und ähnliches hingewiesen. Und ich glaube auch vor so manchem Fauxpas bewahrt. Denn ich wollte ja doch das Vertrauen der Familie und des Betroffenen für mich gewinnen. Das ist nach wie vor das Wichtigste.
Erleichtert hat es mich auch, wenn jemand da war, der auch Deutsch gesprochen hat. Dass die Sprache die erste Voraussetzung für Integration ist, kann ich nur bestätigen. Wenn man und zum Teil handelt es sich ja auch um komplizierte Sachverhalte sich verständigen kann, Dinge erklären kann, warum man etwas so macht und nicht anders, hilft das sehr. Die Menschen verstehen es und so wächst auch Vertrauen.
Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass man trotz aller Unterschiede, die ja zweifellos da sind freundlich empfangen wurde. Zurückhaltung habe ich immer erlebt. Unsicherheit auch. Aber die war bei mir auch vorhanden. Mach ich jetzt alles richtig, stoße ich die Familie nicht vor den Kopf, weil ich etwas nicht beachtet habe. Scham ist ja auch ein großes Thema. Pflege ist ein körpernaher Beruf und das kann man nicht wegdiskutieren. Da muss die Bettdecke mal weg oder sich Wunden angucken. Aber ich habe es bisher immer erlebt, dass man Lösungen gefunden hat. Wenn man mit den Menschen spricht, ihnen das Gefühl gibt, dass ihre Werte und Wünsche wichtig sind und man sich der teilweise schwierigen Situation bewusst ist. Einen gemeinsamen Weg finden, dass ist das Beste.
Und da habe ich die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund schätzen gelernt. Sie haben einen Grundstein gelegt, dass Vertrauen in unseren Dienst vorhanden war und auch mal ich als Deutsche in die Familie kommen konnte. Ich habe das als sehr wertvolle Erfahrung für mich erlebt, und die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die ich bei manchen Familien erlebt habe, hat mich sehr gefreut. Das ist ja nicht selbstverständlich.
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aus: pflegen Demenz Nr. 47 / 2018

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis