Warum  sprechen   wir  keine  gemeinsame   Sprache?

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Eine Pflegerin berichtet
„Für mich ist das ein schwieriges Thema. Ich habe es schon mal erlebt. Da kam ich in eine türkische Familie. Ich sollte da eigentlich nichts Außergewöhnliches machen. Nur eine Spritze geben. Das wollte wohl keiner aus der Familie machen. Aber ich kam in eine Familie, in der keiner Deutsch sprach. Jedenfalls keiner von den Personen, die gerade da waren. Da war eben der Mann, dem ich eine Spritze geben sollte. Der war schon sehr pflegebedürftig. War aber gut gepflegt, das muss ich schon sagen. Und seine Frau, die konnte aber kein Deutsch. Sie hat sich immer auf ihren Mann und später dann auf ihre Kinder verlassen. Die waren aber nicht da. Und ihr Mann konnte eben nicht mehr.
Das war schon eine komische Situation für mich. Ich war total verunsichert und hinterher froh, dass ich wieder raus war und wohl auch nichts Dramatisches verkehrt gemacht hatte. Ich verstehe das aber nicht. Da lebt man jahrelang, ja, Jahrzehnte in einem Land, deren Sprache man nicht kann. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie das gehen soll. Es kann doch immer mal sein, dass keiner da ist, der einem helfen kann. So wie in dem Fall, den ich gerade beschrieben habe.
Ich habe bis heute keine Ahnung, ob die Frau verstanden hat, was ich da gemacht habe. Und warum. Sie guckte mich immer so an. Ich fühlte mich total beobachtet, verunsichert und irgendwie auch nicht willkommen. Das war kein schönes Gefühl für mich.
Ich finde schon, dass man ein Grundverständnis von der Sprache des Landes haben sollte, in dem man lebt. Sonst verpasst man doch auch ganz viel. Mal abgesehen, dass man die Menschen in dem Land nicht wirklich versteht, versteht man auch das System wie das Pflegesystem nur unzureichend oder gar nicht. Allein schon diese ganze Beantragung. Da bekommt man Leistungen unter Umständen nicht, die einem zustehen. Nur weil man die Sprache nicht versteht und nicht nachfragt oder nachfragen kann. Ich finde das schwierig. Vielleicht entstehen Missverständnisse, die man vermeiden könnte, wenn man mal darüber sprechen könnte. Für mich ist das eine Grundvoraussetzung.
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 47 / 2018

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis