Yasemin Günay

Ambulante Begleitung von Menschen mit Migrationshintergrund

Foto: © Yasemin Günay

Yasemin Günay

Welche Unterstützung und Versorgung ein schwerkranker Mensch am Ende seines Lebens wünscht oder braucht, kann auch durch seine Herkunft beeinflusst sein. Die Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund werden dabei unter Umständen anders ausgelebt als in Deutschland bekannt. Der folgende Beitrag gibt Anregungen, wie ambulant Pflegende den Versorgungsbedarf ermitteln und im Pflegealltag berücksichtigen können.

In der täglichen Pflegepraxis werden Menschen mit unterschiedlichen Lebensbiografien begleitet. Sie sind z.B. geprägt durch persönliche Erfahrungen, spirituelle Aspekte oder die Herkunft. Immer häufiger werden auch Menschen mit Migrationshintergrund ambulant betreut.
Migrationshintergrund | Statistisches Bundesamt, 2017: 4
Migrationshintergrund | Statistisches Bundesamt, 2017: 4
Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt. Die Definition umfasst im Einzelnen folgende Personen:
1. zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer
2. zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte
3. (Spät-)Aussiedler
4. mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen.
So lässt sich in der Ambulanten Pflege zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Allerdings bleibt offen, ob und inwieweit sich die Bedürfnisse schwerkranker Menschen und ihrer Angehörigen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden. Hier kann eine feingliedrige transkulturelle Anamnese die Ermittlung des Versorgungsbedarfs unterstützen (Domenig, 2015). Hierzu gehört auch die Ermittlung des Wissensstands zur Hospiz- und Palliativversorgung.
Über Palliative Care informieren
Schwerkranke Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Angehörigen kennen die Angebote zur Hospiz- und Palliativversorgung oft nicht. Das Unwissen kann zu Missverständnissen bis hin zu der Sorge führen, keine optimale medizinische Versorgung zu erhalten. Diese Vorstellung kann zusätzlich dadurch geprägt sein, dass medizinische Versorgung generell mit einem Klinikaufenthalt verbunden wird. Auch unterschiedliche Begriffsdefinitionen können in die Irre führen: Zum Beispiel wird palliativ mitunter als assistierter Suizid missverstanden (Paal & Bükki, 2017: 6).
Die Angebote der professionellen Versorger werden aus diesen Gründen nicht aktiv gesucht, abgelehnt oder während des Behandlungsprozesses abgebrochen. Daher ist es wichtig, entsprechende Begriffe im Vorfeld zu klären und die damit verbundenen Leistungen zu benennen. Dabei helfen Broschüren in der jeweiligen Muttersprache, z.B. Publikationen zur Hospiz- und Palliativversorgung des Ethno-Medizinischen Zentrums e.V. in Hannover.
Aufbau eines ambulanten Versorgungsnetzes
Trotz erfolgter Aufklärung kann es sein, dass die Leistungsangebote nicht maximal ausgeschöpft werden. Dadurch kann es teilweise zu einer Unterversorgung der schwerkranken Menschen und ihrer Angehörigen kommen. Um das Verhalten der Sterbenden und ihrer Angehörigen zu verstehen, sollte die sie umgebende prägende, kollektivistisch orientierte Gesellschaft beachtet werden. In dieser Gesellschaftsform definiert sich der Einzelne über die Gemeinschaft: Er verhält sich ihr gegenüber loyal und wird dafür mit dauerhaftem Schutz belohnt (Hofstede & Hofstede, 2005/2011: 97).
Ein solcher Schutz kann so aussehen, dass Angehörige die umfassende Versorgung übernehmen. Nicht selten gehen sie dabei über ihre Grenzen hinaus, indem sie z.B. beruflich oder privat sehr stark zurückstecken. Der schwerkranke Mensch selbst wiederum kann bzw. soll sich ganz auf die Therapie konzentrieren  – und gegebenenfalls alle Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen.
Bei professionellen Pflegenden aus einer individualistisch geprägten Gesellschaft, in der der Einzelne grundsätzlich für sich selbst verantwortlich ist (Hofstede & Hofstede, 2005/2011: 97) können diese Einstellungen...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 40 / 2018

Kultur

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis