Dirk Müler

Abschied gestalten

In vielen Einrichtungen werden Abschiedsrituale sichtbar zelebriert
In vielen Einrichtungen werden Abschiedsrituale sichtbar zelebriert, Foto ©: Werner Krüper

Dirk Müler

Ein Plädoyer für mehr Alltagsrituale in der Palliativen Geriatrie

Im Leben alter und hochbetagter Menschen hatten und haben eine Vielzahl von Ritualen ihren Platz und ihre Bedeutung. Diese zu erkennen und zu leben ist auch Aufgabe der Palliativen Geriatrie. Ein engagiertes Plädoyer für einen würdevollen Umgang mit Menschen am Lebensende.

Mit Teilnehmenden eines Palliative-Care-Kurses spazierte ich vor einiger Zeit (vor Corona) durch ein Pflegeheim. Im Foyer standen wir vor einem Tisch mit dem Bild einer verstorbenen Bewohnerin und Text im Rahmen, dazu ein kleines elektrisches Teelicht alles eingebettet in verstaubte Plastikblumenblätter. Alle, ob Mitarbeitende oder Angehörige, gingen an diesem eher deprimierenden, aber auch wichtigen, Ort achtlos vorbei.
Die Pflegedienstleiterin der Einrichtung zeigte uns später mit Stolz die sogenannte „Abschiedsbox sorgfältig bestückt mit Bibel, Elektrokerze, kleinem Holzkreuz, einem Handschmeichler, Tüchern und einer Textsammlung.
In dieser Einrichtung, wie vermutlich in fast allen Pflegeheimen, wurde immerhin ein sichtbares (Abschieds-)Ritual zelebriert (siehe Abbildung ). Hier gab es eine gewisse Beschäftigung mit dem Abschied, was leider nicht immer der Fall ist.
Rituale als Teil des Lebens
In der Altenpflege, der Hospizarbeit und der Palliative Care werden Rituale zumeist im Kontext von Sterben und Tod gedacht und gelebt. Das greift meines Erachtens zu kurz. Denn Rituale sind Teil unserer aller Leben, nicht Privileg des Sterbens manchmal bewusst und manchmal unbewusst. Sie sollten viel früher ins Blickfeld von Institutionen genommen werden, nicht erst am Lebensende. Die in Institutionen lebenden, besuchenden und arbeitenden Menschen bringen viele schöne und vielfältige Rituale mit. Diese sind es wert, erkannt und berücksichtigt zu werden und sind Grundlage für eine individuelle und gemeinschaftsstiftende (Abschieds-)Kultur.
Palliative Geriatrie &AltersHospizarbeit
Der palliativgeriatrische Ansatz meint das Miteinander kurativer und palliativer Aspekte für alte Menschen. Er versteht sich als ganzheitlicher, interprofessioneller Betreuungsansatz mit dem Ziel, multimorbiden und hochbetagten Menschen, mit und ohne Demenz, ein gutes Leben und Sterben zu ermöglichen sowie Nahestehenden beizustehen. Palliative Geriatrie basiert auf einer Haltung empathischer Zuwendung und bedingungsloser Wertschätzung.
Gelingende Kommunikation und das Herstellen tragfähiger Beziehungen sind Prämissen um herauszufinden, was Menschen stärkt, schmerzt oder belastet. Dazu ist es erforderlich, genau zu beobachten, empathisch zuzuhören, nachzufragen und zu antworten. Rituale können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten, denn sie schaffen Ausdrucksformen und schlagen Brücken zwischen den Menschen.
Biografie und Gewohnheiten
Im Fokus der Palliativen Geriatrie und AltersHospizarbeit steht der alte Mensch, dessen Lebensgeschichte und Gewohnheiten sowie ihm wichtige und liebgewordene Rituale. Das ist in der Begleitung von Menschen mit Demenz besonders wichtig und die Basis von Validation nach Naomi Feil®. Validation hilft, Menschen mit Demenz ihr Selbstwertgefühl und ihre Lebensqualität zu erhalten oder wiederzugewinnen und steigert das Wohlbefinden (Palliative Geriatrie, 2020).
Die Betreuung orientiert sich nicht an medizinischen Diagnosen, sondern an Lebensumständen, auch psychischen und physischen Aspekten, die das Leben leicht oder schwer machen. Palliative Geriatrie orientiert sich an Lebensinhalten und -geschichten, die Kraft, Halt und Sinn geben, wie auch Rituale dies tun (Fachgesellschaft Palliative Geriatrie, 2018) (siehe Praxisbeispiel).
PRAXISBEISPIEL: Wiener Walzer und Kaffee
PRAXISBEISPIEL: Wiener Walzer und Kaffee
Ich erinnere mich an Daisy, eine alte, charmante Wienerin. Der Liebe wegen verschlug es sie vor langer Zeit nach Berlin. Daisy war die erste Heimbewohnerin, die ich in meiner Altenpflegausbildung betreute. Ich fragte...
pflegen Palliativ
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Palliativ abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

Rituale

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis