Daniel Berthold, Ulf Sibelius

Die Psyche in Balance bringen

Foto ©: Sharon McCutcheon on Unsplash

Daniel Berthold, Ulf Sibelius

Mini-Rituale bei Bedrohungen und Belastungen

Zum Alltag Mitarbeitender in der palliativen Versorgung gehören hohe emotionale Anforderungen. In Zeiten von Pandemien wie Covid-19 gelten für die multiprofessionellen Palliativteams besondere Bedingungen. Hier kann sich die Arbeit in der ambulanten wie stationären hospizlich-palliativen Versorgung schnell von der Herausforderung zur Überforderung wandeln. Inwiefern können Rituale dazu beitragen, die Psyche der Mitarbeitenden in Balance zu bringen?

Je nachdem, wie sehr eine Region von Covid-19-Erkrankungsfällen und einhergehenden Auflagen betroffen ist, sind Mitarbeitende nicht nur einer immens erhöhten Arbeitsbelastung ausgesetzt, sie sind auch selbst in Sorge, sich oder ihre Familien anzustecken (Walton et al., 2020) (siehe Beitrag Nehls, S. 40).
Dazu kommen Verunsicherungen, die die Bevölkerung während einer Pandemie in ihrer ganzen Breite treffen etwa die Sorge, aufgrund der wirtschaftlichen Lage die Arbeitsstelle zu verlieren (Petzold et al., 2020). Nicht unterschätzt werden dürfen auch die Stressreaktionen im Nachgang der Versorgung, wie etwa aufkommende Schuldgefühle infolge von schwierigen ethischen Entscheidungen. Hier stellen sich Mitarbeitende häufig Fragen wie:
Wen haben wir palliativ versorgt oder mitversorgt und wem mussten wir dies verwehren und mit welcher Begründung? Haben wir durch die Maximaltherapie Schwerstbehinderungen riskiert? Und was war eigentlich der Wille des Patienten?
Auswirkungen von Bedrohungen und Belastungen
Angst und Depression sind bei Klinikpersonal wesentliche psychische Folgen der Covid-19-Pandemie davon bei etwa 2 –14 Prozent mit schweren Ausprägungsgraden (Bohlken et al., 2020). Psychologisch geht dies auf ein gesteigertes Stressniveau infolge der Erfahrung von Bedrohung bzw. Belastung zurück. Zwischen Bedrohungen und Belastungen zu unterscheiden ist in der Gesundheitsversorgung nicht weit verbreitet. Dennoch kann sie in Studien nachgewiesen werden und macht auch für die Praxis Sinn (Kuhl & Quirin, 2011).
Während Bedrohung solche Erfahrungen meint, die ängstigen oder beunruhigen, bezieht sich der Begriff Belastung eher auf die Erfahrung von Anstrengung und Angespanntheit, die aufgrund von schwierigen oder vielen gleichzeitigen Aufgaben entstehen kann.
Als bedrohlichen Stress („threat-related stress) könnten Mitarbeitende in der Palliativpflege den direkten Kontakt mit Covid-19-Patientinnen und -patienten empfinden; vielleicht aber auch die Beklemmungsgefühle, die beim ganztägigen Tragen einer FFP3-Maske entstehen. Gerade bei hohen Temperaturen kann das Atmen unter der Maske schnell ein Engegefühl hervorrufen.
Eher als belastender Stress („demand-related stress) kann es dagegen empfunden werden, wenn der Arbeitstag mit der doppelten Zahl an schwer pflegebedürftigen Menschen aufwartet und zusätzlich die Vermittlung zwischen den isolierten Patientinnen und Patienten sowie ihren hochbesorgten Angehörigen geleistet werden muss.
Obwohl Bedrohungen und Belastungen Teil des menschlichen Lebens und auch des Arbeitslebens vieler Menschen sind, können sie ein problematisches Maß erreichen. Nämlich dann, wenn sich die zugehörigen Hirnsysteme chronifizieren, d.h. einbrennen und verselbständigen. Eine gesunde Vorsicht kann sich dann zur Angststörung entwickeln, ein angemessenes Grübeln ausarten zur Depression.
Vier Hirnsysteme
Beim Umgang mit Bedrohungen und Belastungen sind nach Kuhl (2001) zwei Hirnsysteme beteiligt:
  • Hirnsystem für Unstimmigkeit, das spezialisiert ist auf den Umgang mit Bedrohungen
  • Hirnsystem für Planung, das spezialisiert ist auf den Umgang mit Belastungen.
Außerdem gibt es zwei gegenpolige Hirnsysteme:
  • Hirnsystem für Freude, das die energetische Voraussetzung dafür ist, vom Planen ins aktive Handeln zu wechseln (Tatkraft) und mit seinen Mitmenschen in Schwingung zu kommen (Aus-sich-herausgehen)
  • Hirnsystem für Gelassenheit, das zuständig ist...
pflegen Palliativ
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Palliativ abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

Rituale

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Wissenschaft