Zwischen Gestern und Heute

Erinnerungen können durch Sinneserfahrungen, wie z.B. dem Erklingen einer persönlich bedeutsamen Melodie aus dem frühen Erwachsenenalter, hervorgerufen werden
Erinnerungen können durch Sinneserfahrungen, wie z.B. dem Erklingen einer persönlich bedeutsamen Melodie aus dem frühen Erwachsenenalter, hervorgerufen werden , Foto © : iStock.com/fotosipsak

Vom Mythos der anderen Welt: die Bedeutung von Biografie und Lebensthemen für Menschen mit Demenz

Leben Menschen mit Demenz in der Vergangenheit oder sogar in einer anderen Welt? Dr. Gabriele Kreutzner und Dr. Beate Radzey, beide bei der Demenz Support Stuttgart gGmbH tätig, geben einen Einblick in die „eigene Welt demenzerkrankter Menschen.

„Menschen, die an Demenz erkrankt sind, haben den Kontakt zum Hier und Jetzt verloren. Sie leben in ihrer ganz eigenen Welt (W1)
Immer wieder stoßen wir auf Aussagen wie die in dem vorangestellten Zitat.
Eine einfache Internet-Recherche hat ergeben, dass z.B. eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz den Namen „Anderland trägt. Zudem gibt es Informationsbroschüren, die über das „Leben im Anderland aufklären und der demenzielle Veränderungsprozess wird als „Reise ins Anderland dargestellt.
Auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit sind wir auf diesen Satz gestoßen: „Eine Demenz [] beeinträchtigt die Wahrnehmungen, das Verhalten und Erleben der Kranken das gesamte Sein des Menschen. In der Welt, in der sie leben, besitzen die Dinge und Ereignisse oft eine völlig andere Bedeutung als in der Welt der Gesunden. Die Betroffenen vereinsamen innerlich, da ihnen keiner in ihrem Erleben der Welt mehr zu folgen vermag (W2).Trifft das tatsächlich zu?
Zunächst einmal ist klar, dass im breiten Spektrum der sog. „neurokognitiven Störungen, zu denen die unterschiedlichen Arten demenzieller Veränderungen zählen, unverständliche Verhaltensweisen auftreten können. Durch die breite Palette demenziell bedingter Veränderungen sind eingespielte Möglichkeiten des Miteinanders und der „normalen Verständigung eingeschränkt (siehe Praxisbeispiel). Aber leben Menschen mit Demenz deshalb auf einem anderen Planeten, auf dem allein die Vergangenheit zählt? Und, falls dem so ist: Wäre dann nicht jeder Versuch vergeblich, sich um Zugänge zu Menschen mit Demenz zu bemühen? Wir sagen: Nein! Denn es gibt durchaus Methoden, Kontakt und Zugangsmöglichkeiten zu erschließen.
PRAXISBEISPIEL : Das Loch im Boden
PRAXISBEISPIEL : Das Loch im Boden
Frau Schulz* bleibt vor einem Restaurant ruckartig stehen. Sie lässt sich nicht dazu bewegen, die noch fehlenden zwei Schritte in das Lokal hinein zu gehen. Eine schwierige Situation, die sich mit Vorwissen einordnen und überbrücken lässt. Die demenziellen Beeinträchtigungen führen in diesem Fall zu einem Informationsverarbeitungsproblem. Frau Schulz nimmt die große Schmutzfangmatte vor der Tür vermutlich nicht als solche wahr, sondern als dunkles Loch. Nachvollziehbarer Weise möchte sie nicht in den Abgrund stürzen und bleibt deswegen vor dem Fußabtreter stehen.
*Name von der Redaktion geändert
Menschen mit Demenz sind erreichbar
So ist beispielsweise die Biografiearbeit eine Methode der Annäherung an die subjektive Erfahrungswelt von Menschen mit demenziellen Veränderungen. Sie dient dem Bemühen, zu einer Person in Kontakt zu kommen und eine Beziehung herzustellen. Biografiearbeit meint ein systematisches Zusammentragen von Informationen über das bisherige Leben eines Menschen Herkunft/Hintergrund, wichtige Bezugspersonen, Vorlieben, Hobbies etc. Entscheidend ist, dass Biografiearbeit vom Bemühen um ein Verstehen der Person in ihrer individuellen Besonderheit und Unverwechselbarkeit geleitet ist. Es geht um einen Prozess der Annäherung an die Person keineswegs darum, die „Wahrheit über diese zu ergründen, die nur sie selbst kennt. Wichtig ist, die Person in ihrem je besonderen sozialen und kulturellen Gewachsensein zu begreifen. Hierzu müssen Pflegende und Begleitende auf entsprechende zeit- und alltagsgeschichtliche Kenntnisse der Lebenszeit von Betroffenen zurückgreifen können.
Hürden in der Umsetzung
Bei der Biografiearbeit können erhebliche Schwierigkeiten auftauchen, wenn etwa bei hochbetagten Personen nur noch junge, entfernte Verwandte als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 52 / 2019

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