Zwei Menschen und ihre Gefühle treffen aufeinander

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Ekel und Scham bei der Pflege demenzerkrankter Menschen

Die Pflegeschülerin IRIS ACHILLES beschreibt, welche Gefühle auf beiden Seiten auftreten können, wenn Pflegekräfte bei der Körperpflege mit den intimsten Bereichen älterer, hilfsbedürftiger Menschen in Kontakt kommen.

Als ich gefragt wurde, ob ich etwas zu dem Thema „Ekel und Scham in der Altenpflege schreiben wolle, da sagte ich spontan zu. Das ist ja einfach, dachte ich. Aber so einfach ist es doch nicht. Und es ist nicht so, als gäbe es keine Literatur. Ganz im Gegenteil.
Ich stehe kurz vor dem Examen zur Altenpflegerin, drei Jahre Ausbildung mit Praxiseinsätzen in allen Bereichen der stationären und ambulanten Altenpflege liegen fast hinter mir. Natürlich war dieses Thema auch ein Bestandteil meiner theoretischen Ausbildung. Ich möchte hier meine persönlichen Gedanken zu dem Thema formulieren. Der Umgang mit ekelauslösenden Ausscheidungen und abstoßenden Gerüchen gehört doch wie selbstverständlich zu meiner Arbeit als Auszubildende im Seniorenzentrum Vossenack, einer stationären Altenpflegeeinrichtung für 76 Bewohner. Da sich der Anteil von Menschen mit Demenz in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt hat, bietet meine Einrichtung diesem Klientel in drei Gruppen mit einem eigenen auf Menschen mit Demenz ausgerichteten Konzept Lebensraum.
Allein das Sprechen darüber fällt vielen Menschen schwer
Muss man darüber sprechen? Und da möchte ich ansetzen, denn allein die Situationen zu artikulieren, fällt vielen schon sehr schwer. Im Unterricht versucht man es fachlich korrekt und neutral zu beschreiben, in der Pause bespricht man es umgangssprachlich. Warum ist das so? Für mich persönlich sind zwei Gründe vordringlich.
Die Erziehung zum sauberen Menschen
Zum einen ist es sicher die Erziehung gewesen, die früh vermittelte, dass Kot und Urin eher in die Kategorie „fies gehören. Wie viel Energie setzen Eltern daran, Kinder sauber zu bekommen? Und welche Freude ist es, wenn es geschafft ist? Blähungen lässt man nicht in der Öffentlichkeit los. Die Nase schnäuzt man von Mitmenschen abgewendet. Zum anderen ist das Bild eines erwachsenen Menschen sicher geprägt von gutem/angemessenem Aussehen. Viele von uns wirken dem natürlichen Altern mit allen Mitteln entgegen. Korrekt gekleidet, gepflegt. Gesund und vital. Das ist der Mensch. Da hilft auch die Werbung im Fernsehen nicht wirklich weiter, in der eine Frau „ganz selbstverständlich für Produkte bei Blasenschwäche wirbt. Es ist nicht selbstverständlich in unseren Köpfen verankert.
Schönheitsideal gesund und sauber
Und dann sehe ich bei meiner täglichen Arbeit Menschen mit Demenz, die so ganz anders sind. Und nur, weil sie kognitiv nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, ihre Situation nicht mehr zu erfassen, müssen sie deshalb frei sein von Scham über ihre Situation? Und wie geht es mir? Zwei Menschen treffen aufeinander, die Scham empfinden und wahrscheinlich auch Ekelgefühle. Der Bewohner, der mit Urin und Stuhlgang in seiner Vorlage im Bett liegt und jede Hilfe ablehnt. Oder die Bewohnerin, die mit nasser Hose über den Wohnbereich geht, und an Besuchern vorbeigeht. Die schielen natürlich auf die Hose. Auf meine Frage an die Bewohnerin, ob wir mal eine Runde in ihr Zimmer drehen wollen, reagiert sie mit Unverständnis. Es ist doch alles in Ordnung. Der Bewohner, der es nicht ausstehen kann, wenn man ihm ein Taschentuch anreicht, oder gar an die Nase führen möchte. Auch wenn aus der Nase der Nasenschleim läuft. Es ist in der Praxis gar nicht so einfach, eher eine Gratwanderung von Übernehmen und Unterstützen, aber auch von Zulassen und Aushalten. Mich trägt dabei immer ein Gedanke: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das den anderen Mitbewohnern, aber auch Angehörigen, zu vermitteln, ist eine Frage der Kommunikation die nicht immer zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Und auch das muss man im Zweifel aushalten können.
Der Wille des Bewohners sollte im Vordergrund...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 46 / 2018

Ausscheidungen