Wenn Worte und Trost fehlen

Nach Versterben eines Gastes wird ein Kieselstein aus dem Atrium des Hospizes beschriftet und bei der Gedenkfeier an die Angehörigen übergeben
Nach Versterben eines Gastes wird ein Kieselstein aus dem Atrium des Hospizes beschriftet und bei der Gedenkfeier an die Angehörigen übergeben, Foto ©: Nicole Lindenberg

Rituelle Angebote schaffen Nähe und geben Halt

Sterben, Tod und Trauer sind in einem Hospiz alltäglich. Immer wieder geht es darum, Abschied zu nehmen und das Leben loszulassen. Das betrifft die Gäste und Angehörigen ebenso wie die Mitarbeitenden. Im Gespräch mit Christine Dunger, Pflegewissenschaftlerin und Herausgeberin dieser Ausgabe, erichtet Nicole Lindenberg Leitung im St. Elisabeth Hospiz Witten über ihren Alltag und den wichtigen Umgang mit Ritualen.

Nicole Lindenberg
Nicole Lindenberg
Altenpflegerin, Leitung im St. Elisabeth Hospiz Witten
nicole.lindenberg@elisabeth-hospit-witten.de
Christine Dunger: Frau Lindenberg, Sie haben diesen Interviewtermin sofort zugesagt und betont, wie wichtig Sie es finden nicht nur angesichts der momentanen Pandemie-Situation über Rituale in der letzten Lebensphase und in der Trauerbegleitung zu sprechen. Welche Rituale erleben Sie sehr oft im Alltag bei den Gästen, deren Familien und Zugehörigen?
Nicole Lindenberg: Ich habe festgestellt, dass es bestimmte Prioritäten gibt, die für die Gäste wichtig sind und auch den Angehörigen viel bedeuten. Das können ganz individuelle alltägliche Rituale sein aber häufig die Dinge, die etwas mit Essen und Trinken zu tun haben, sozusagen über den Magen gehen. Für viele Angehörige ist es unglaublich wichtig, dass ihre Lieben noch essen und trinken. Dann ist für sie noch Hoffnung da und sie sind nicht bereit, diese Hoffnung einfach aufzugeben. Insbesondere in den ersten Tagen im Hospiz ist das ein Thema.
Die Mitarbeitenden greifen das selbstverständlich auf. Oft ist einer der ersten Vorschläge, einen Kaffee zu trinken, dann ein Stück Kuchen anzubieten oder zu fragen, ob jemand mit frühstücken möchte. Essen ist in der Gesellschaft von Bedeutung und hat mit Gemeinschaft zu tun. Gäste, die uns zu Beginn im Gespräch sagten, dass sie gar nicht mehr essen und trinken, setzen sich später oft doch mit an den Tisch und essen. Nicht unbedingt viel, aber hier und da ein Häppchen.
Ein andere Punkt ist unser an den Bedürfnissen der Gäste orientierter Tagesablauf. In der Regel gibt es keine festen Zeiten, zu denen jemand gewaschen wird oder aufstehen muss. Das ist den Angehörigen nicht immer einfach zu erklären. Aber auch für manche Gäste ist das schwierig sie wünschen sich einen strukturierten, ritualisierten Tagesablauf. So hat sich eine Dame kürzlich in den ersten Tagen gewünscht, dass sie gern nach ihrem Tagesrhythmus betreut werden möchte. An diesem Wunsch haben wir uns dann orientiert und den Rhythmus mit ihr abgestimmt.
Grundsätzlich möchten wir aber nichts vorgeben, sondern die Gäste selbst bestimmen lassen. Andere Gäste hatten sich nach Krankenhausaufenthalten an diesen Tagesstrukturen orientiert. Wenn jemand daran festhalten möchte, versuchen wir, auch das zu ermöglichen. Denn wir möchten bei den Alltagsritualen unseren Gästen nicht irgendwelche alltäglichen Routinen aufzwingen.
Etwas Besonderes sind Rituale, die nicht so alltäglich sind, und z.B. in unserem Raum der Stille stattfinden. Eigentlich wird dieser Raum selten genutzt, kaum jemand nimmt dort Platz und hält inne. Aber auf Wunsch von Gästen wurden in diesem Raum schon eine Aussegnung und eine Krankensalbung von einem Pfarrer durchgeführt.
Gibt es noch andere wiederkehrende Angebote?
Ein Angebot, dass gern angenommen wird, ist Musik mit einer Musiktherapeutin oder einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, die die Leier spielt. Viele Gäste haben beim Zuhören die Möglichkeit, loszulassen und ihre Gefühle zu zeigen.
Auch nicht ganz alltäglich, aber häufig eingesetzt, sind die von Mitarbeitenden angebotenen Aromamassagen. Sie ermöglichen den Gästen Entspannung sind aber auch für die Pflegenden relevant. Insbesondere Gäste mit Schmerzen erhalten neben ihrer Medikation zusätzlich auf Wunsch eine Massage mit schmerzlindernden Ölen.
Wir versuchen Gegebenheiten und Räume zu schaffen, in denen die Gäste ...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

Rituale

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis