Anna

Sprache ist nur ein Teil von Kommunikation

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Anna Kiefer

Pflegen mit Sprachbarriere: Grenzen, Herausforderungen, Chancen

Einige Pflegekräfte, die in Deutschland arbeiten, sprechen nur wenig Deutsch. Wie fühlt es sich an, Menschen (mit Demenz) zu pflegen, wenn man die Sprache nicht beherrscht? Die Übersetzerin und Gesundheits- und Krankenpflegerin Anna Kiefer konnte diese Erfahrung in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) auf einer Altenpflegestation in Polen machen. Sie berichtet von der Wichtigkeit eines funktionierenden Teams und skizziert, warum das Sprechen einer Sprache für die eigene Sicherheit sowie für die Vermittlung von Sicherheit und Geborgenheit wichtig ist.

Mein FSJ begann im September 2008. Gemeinsam mit drei anderen Freiwilligen arbeitete ich auf der Bettenstation eines großen Krankenhauses in Krakau, Polen.
Stationäre Altenpflege im Krankenhaus
Die Bettenstation hatte unsere damalige Chefin in den 1990er-Jahren gegründet. In Polen gab es zu diesem Zeitpunkt kaum Alten- und Pflegeheime, wie wir sie aus Deutschland kennen. Alte Menschen wurden zu Hause gepflegt, sofern sie eine Familie hatten. Auf die Seniorinnen und Senioren, die meine Chefin damals betreute, traf das oft nicht zu. Sie hatten als junge Menschen im nahen Auschwitz oder in anderen Konzentrationslagern sämtliche Angehörige verloren und oft keine eigene Familie gegründet. Wurden sie pflegebedürftig, brachte man sie ins nächste Krankenhaus. War die maximal erlaubte Aufenthaltsdauer dort „abgelaufen, verlegte man sie in ein anderes Krankenhaus, wodurch es immer wieder zu lebensbedrohlichen Versorgungsbrüchen kam, wie unsere Chefin uns erzählte. Mit ihrer Bettenstation versuchte sie, den Menschen eine dauerhafte pflegerische Versorgung zu bieten.
Augen auf, zugucken, nachmachen
Da standen wir also nun, meine drei Kollegen und ich, auf dem dunklen Flur vorm Dienstzimmer. Hanne und ich hatten weder polnische Wurzeln noch einen Bezug zur polnischen Sprache. Ich hatte vor dem FSJ gelernt, die zusätzlichen Buchstaben und Buchstabenkombinationen zu lesen. Außerdem hatte ich einen zweiwöchigen Sprachkurs gemacht, in dem ich lernte, mich vorzustellen und die gängigen Lebensmittel zu benennen. Ich war in der Lage, mir ein Brötchen zu kaufen und nach dem Weg zu fragen, kannte die Farben und konnte bis 20 zählen. Gutes A1- bis A2-Niveau, wie ich im Rückblick sagen würde. Das ist etwas weniger als das, was die meisten ausländischen Pflegepersonen mitbringen, die hier in Deutschland arbeiten und meist die B1-Prüfung geschafft haben. Natalia und Alex hatten zum Glück einen Heimvorteil: Sie waren zweisprachig aufgewachsen und konnten Polnisch verstehen und sprechen.
Der erste Rundgang
Unsere Chefin zeigte uns die Station. Sie kannte jeden einzelnen Menschen und begrüßte ihn herzlich. Weil wir im Krankenhaus waren, bezeichneten wir die zu betreuenden Menschen als Patienten. Die Patienten lagen überwiegend in Vierbettzimmern ohne Bad. Bettzeug, Handtücher und teilweise auch Kleidung bekamen sie vom Krankenhaus; oft handelte es sich um Spenden.
Aufgabenverteilung und Kennenlernen
Wir FSJler wurden herzlich begrüßt. Offenbar freuten sich die Menschen über junge Gesichter. Als ungelernte Helferinnen und Helfer sollten wir die examinierten Pflegepersonen beim Waschen oder Lagern unterstützen. Vor allem sollten wir dabei auf odleżyny achten, Dekubiti. Wir berichteten unserer Chefin jeden Montag, wie es auf der Station lief, wer einen Dekubitus hatte und wie dieser sich entwickelte. Sie arbeitete nicht mit auf der Station, aber das Thema war ihr sehr wichtig, weil wohl zu wenige Ressourcen in die Dekubitusprophylaxe gesteckt wurden. Davon abgesehen sollten wir vor allem einfach da sein und ein wenig Abwechslung in das Leben der Patientinnen und Patienten bringen: plaudern, Geschichten von früher anhören und aufmerksam für Bedürfnisse sein. Am besten ging das für mich als Nicht-Muttersprachlerin zunächst mit Herrn DaDa*. Dada war natürlich nur ein Spitzname, aber alle...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 56 / 2020

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis