Stephanie Schnichels

Kollegiale Empathie

Im Rahmen der „kollegialen Empathie“ kommen alle Teammitglieder in einem Stuhlkreis zusammen
Im Rahmen der „kollegialen Empathie“ kommen alle Teammitglieder in einem Stuhlkreis zusammen, Foto ©: muchamania | stock.adobe.com

Stephanie Schnichels

Ritual zur Teamklärung und Selbstfürsorge bei belastenden Erlebnissen

Im Arbeitsalltag gibt es immer wieder Situationen, die einzelne Kolleginnen und Kollegen oder ein ganzes Team lange beschäftigen: Zwischenfälle mit aufgebrachten Patienten, Beschwerden oder Konflikte mit kritischen, anklagenden Angehörigen, verletzende Worte, Vorwürfe und Rechtfertigungen. Die Autorin des nachfolgenden Beitrags zeigt auf, wie man solche energiezehrenden Prozesse unterbricht und sich von belastenden Erlebnissen frei macht.

Kollegiale Empathie ist eine heilsame, empathische Team-Intervention, die bei Bedarf oder regelmäßig ritualisiert – durchgeführt, das Loslassen von belastenden Situationen unterstützt. Sie wurde von Lorna Ritchie und Frank Gaschler, Trainerin/Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, entwickelt. Diese Methode unterstützt eine emotionale Entspannung und innere Klärung der betroffenen Kolleginnen  /Kollegen und öffnet den Blick auf die Sorgen, Nöte und Bedürfnisse des Gegenübers. Zugleich ist die Intervention ein Wegbereiter für das Finden von zufriedenstellenden Lösungen. Kollegiale Empathie entlastet nicht nur die beispieleinbringende Person, sondern auch die Teammitglieder, die oft ebenfalls unter dem Vorfall leiden oder in Vorwürfen oder Parteinahmen verstrickt sind.
Wie funktioniert„kollegiale Empathie?
Anhand eines konkreten Praxisbeispiels wird die Vorgehensweise vorgestellt:
PRAXISBEISPIEL: Angehöriger droht mit Beschwerde
PRAXISBEISPIEL: Angehöriger droht mit Beschwerde
Frau Meißner*, eine 74-jährige Pankreaskarzinom-Patientin im finalen Stadium, zeigt zunehmend Dyspnoe mit Rasselatmung. Ihr Ehemann besteht bei der zuständigen Pflegekraft Marion* auf eine Sauerstoffgabe. Diese versucht zu erklären, dass in diesem Stadium Sauerstoff nicht indiziert sei. Wütend rennt Herr Meißner zur Stationsleitung und beschwert sich vehement über sie. Trotz eines klärenden Gesprächs mit der Stationsleitung und der Oberärztin droht der Angehörige mit einer Beschwerde über die Pflegekraft. Diese reagiert sehr betroffen.
In der Zwischenzeit ist Frau Meißner verstorben und ihr Ehemann hat von einer Beschwerde Abstand genommen. Doch die Pflegefachkraft ist weiterhin in einem aufgewühlten Alarmzustand. In der nächsten Teamsitzung beschließt das Team, die „Kollegiale Empathie als einfühlsames Klärungsritual einzusetzen, um die Kollegin zu unterstützen und selbst etwas für ähnliche Vorfälle zu lernen.
*Name von der Redaktion geändert
Das Vorgehen in der Teamsitzung
Alle Teammitglieder setzen sich in einen Stuhlkreis. Der Ablauf erfolgt nach den sechs Phasen der Kollegialen Empathie (siehe Kasten 1).
Phasen und Ablauf der Kollegialen Empathie
Phasen und Ablauf der Kollegialen Empathie
1.Fallbeschreibung: (5 min)
a) Was ist passiert?
b) Was wünschst du (Pflegefachkraft) dir von uns?Welche konkrete Frage stellst du an die Gruppe?
2. Klärung: (3 min)Verständnisfragen durch Gruppenteilnehmende. Die betroffenePflegfachkraft dreht sich um und hört zu, ohne zu kommentieren.
3. Gefühle und Bedürfnisse: „Wenn ich wäre, . (20 min)Die Kolleginnen und Kollegen versetzen sich nacheinander in die Rolle
a) der beispieleinbringenden Kollegin
b) des Konfliktpartners
und erzählen, wie es ihnen in der beschriebenen Situation ginge.
Die Teilnehmenden starten nacheinander in der Runde mit den Worten: „Wenn ich (Name) wäre, wäre ich (mein Gefühl), weil ich (mein Bedürfnis) bräuchte.
4. Lösungsangebote des Teams: (8 min)
Welche konkreten Lösungen gibt es unter Berück-sichtigung der Anliegen aller Beteiligten?
5. Bewertung durch die beispieleinbringende Person: (5 min)Wie ging es mir? Was hat mir geholfen? (ohne Bewertung der Lösungen)
6. Feedback: (5 min)Wie ging es den anderen Teilnehmenden? Was haben sie gelernt?
Schnichels modifiziert nach Ritchie und Gaschler
Phase 1a:
Die Pflegekraft Marion* schildert kurz die sie belastende Situation: „Es geht...
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aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

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