Detlef Rüsing

Können manche Menschen nicht (mehr) kommunizieren?

Foto © Shawn Hempel/stock.adobe.com

Detlef Rüsing

Hatte Paul Watzlawick (un-)recht?

Kommunikation und Beziehungsgestaltung sind die „Kernaufgaben pflegerischer Arbeit mit Personen mit Demenz. Was aber wäre, wenn ich manche Demenzerkrankte im Endstadium ihrer Erkrankung durch äußere Reize gar nicht mehr erreichen kann? Darf ich trotz einer personzentrierten Haltung die Frage stellen, ob eine Person überhaupt noch erreichbar ist? Auf jeden Fall sollte man diese ungeliebte Frage stellen, meint „pflegen: Demenz-Herausgeber und Pflegewissenschaftler Detlef Rüsing.

Der Kern personzentrierter Pflege von Menschen mit Demenz besteht aus einer haltenden und nährenden Beziehungsarbeit (DNQP, 2018). Die entscheidende Voraussetzung zum Aufbau einer haltenden Beziehung ist die Kommunikationsfähigkeit Pflegender und demenzerkrankter Personen, welche natürlich bei Letzteren zunehmenden Einschränkungen unterliegt. Es ist viel Richtiges und Ermutigendes über die Notwendigkeit und die Art und Weise qualitativ hochwertiger Kontakt- und Beziehungsgestaltung mit Personen mit einer Demenz in unterschiedlichsten Stadien geschrieben worden (s. Beitrag Leuthe und Sachweh). Es ist unumstritten, wie wichtig dies für demenzbetroffene Menschen ist. Das Gefühl, mithilfe unterschiedlichster Kommunikationsformen durch eine so hergestellte Beziehung verstanden und in einer immer weniger Halt gebenden Welt „gehalten zu werden, ist für erkrankte Personen (über-)lebenswichtig. Pflegende und Personen mit Demenz gestalten gemeinsam Beziehungen. Dies geschieht im besten personzentrierten Sinne auf Augenhöhe. Dazu gehört, dass es Sender und Empfänger gibt und dass es auf einen Kommunikationsversuch immer auch eine Resonanz gibt. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick verdeutlichte Letzteres mit seinem berühmt gewordenen ersten Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren(Watzlawick, 1969). Die Idee dahinter sagt aus, da sich niemand nicht verhalten kann, so kann ebenso niemand nicht nicht kommunizieren. Wenn also jemand auf eine Frage oder eine Ansprache verbaler oder nonverbaler Natur nicht „antwortet, so ist dies auch als eine Antwort zu verstehen und somit eine Reaktion. Nicht zu reagieren, wäre im Rahmen dieses Konzeptes eine bewusste Entscheidung.
Und wenn wir jemanden nicht erreichen?
Wie soeben gezeigt, gehen wir zu Recht davon aus, dass wir mit Menschen mit Demenz Beziehungen mithilfe von Kommunikation auf unterschiedlichste Art und Weise gestalten können. Wir fragen uns in der Regel nicht, ob eine Person mit Demenz überhaupt reagieren kann, sondern nur, ob es uns als Pflegeperson gelingt, den passenden Zugang als Voraussetzung zur Kommunikation zu einer Person zu finden. Im Grunde erwarten wir Pflegenden von uns selbst eine Haltung, die besagt, dass es im Sinne Watzlawicks immer zu einer Kommunikation zwischen Menschen mit Demenz und uns Pflegenden kommt, sofern wir uns nur genügend Mühe geben. Aber ist dem wirklich so (siehe Praxisbeispiel)?
PRAXISBEISPIEL: Herr Poving* reagiert nicht mehr
Herr Poving ist ein 80-jähriger Mann in einer städtischen Alten-einrichtung, der an einer Demenz-Mischform aus Alzheimerdemenz und vaskulärer Demenz leidet. Er wohnt seit sechs Jahren in der Alteneinrichtung. Als er damals aufgrund seiner fortgeschrittenen Demenzerkrankung einzog, war er noch in der Lage, mit dem Personal zu kommunizieren und nahm an vielen Freizeitaktivitäten der Einrichtung teil. Trotz zunehmender Symptomatik − wie die der im Laufe der Jahre immer stärker werdenden Wortfindungsstörungen, der Gangunsicherheit bis hin zum Verlust selbstständiger Fortbewegung und dem fast völlig erloschenen Gedächtnis − war es den Pflegenden und Herrn Poving immer möglich, gemeinsam auf unterschiedlichste Weise miteinander in Beziehung zu treten. Seit etwa drei Monaten hat sich der körperliche und kognitive Zustand vermutlich einem weiteren Schlaganfall geschuldet derart verschlechtert, dass der Bewohner zumeist in seinem Bett liegt oder in...
pflegen Demenz
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Demenz abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 56 / 2020

Kommunizieren

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis