Interaktion ist mehr als ein Gespräch

Greifgeste
Greifgeste, © Dr. Beatrix Döttlinger

Wie kann Handlungskommunikation zum Erhalt der Ich-Identität von Menschen mit Demenz beitragen?

Schwer demenzkranke Menschen können sich verbal häufig nicht mehr mitteilen und einfache Handlungsanweisungen gar nicht oder nur eingeschränkt umsetzen. Trotzdem können Pflege-experten mit den Betroffenen interagieren. Wie funktioniert das? DR. BEATRIX DÖTTLINGER, Dozentin im Gesundheitswesen, hat diese Fragestellung untersucht und an einem Beispiel veranschaulicht.

Mit einer fortschreitenden Demenzerkrankung werden die betroffenen Personen immer abhängiger von anderen Menschen. Ursachen dafür sind der Rückgang von Alltagsfertigkeiten, indem Handlungen nicht mehr umgesetzt werden können (Apraxie), obwohl die betroffenen Personen körperlich dazu in der Lage wären. Sprachstörungen in Form von Wortfindungsstörungen, Wortproduktion und Störungen der Sprachverarbeitung haben zur Folge, dass die Interaktions- und Beziehungsgestaltung immer schwieriger wird. All dies hat zur Folge, dass die Ich-Identität einer Person mit Demenz brüchig wird (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006; Böhme 2008), denn Identität entsteht innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, also im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu anderen Menschen (vgl. Mead 1973).
Wie kann die Ich-Identität einer Person mit Demenz so lange wie möglich aufrechterhalten werden? Wie kann eine Person trotz schwerer Demenz in ihrer Selbstbestimmung und Selbstregulation unterstützt werden? Der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz (DNQP 2018) spricht nach Kitwood (2005) von der „Aufrechterhaltung des Personseins.
Ein erklärender Zugang kann mit den Studienergebnissen meiner Promotionsarbeit geschaffen werden, die ich am Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Witten durchführte. In dieser Studie habe ich untersucht, WAS zwischen Pflegeexpertinnen und Personen mit schwerer Demenz bei Alltagshandlungen passiert und WIE es passiert, um zu erkunden, warum es den Interaktionspartnerinnen gelingt, sich aufeinander einzustimmen, einen geteilten, aufeinander gerichteten Aufmerksamkeitsfokus herzustellen und zu halten. Die Pflegeexpertinnen kommunizieren Handlungsangebote bei Personen im schweren Stadium der Demenz in Form einer gestischen Simulation einer Handlung, wenn diese eine verbale Handlungsaufforderung nicht umsetzen können. Durch die Spiegelung dieser Geste wird die zu pflegende Person dahin geführt, die damit verbundene Handlung eigenaktiv umsetzen zu können, ihre Selbstbestimmung wird gefördert und die körperliche Abhängigkeit verringert.
Die in die Untersuchung mit einbezogenen Praxisbegleiterinnen mit der Zusatzqualifikation „Basale Stimulation können ihr Interaktionsverhalten reflektieren, haben jedoch Schwierigkeiten, ihre Wissensbestände sprachlich zu formulieren. Das Ziel der Untersuchung war es, an diesen Erfahrungsschatz heranzukommen, um beschreiben und erklären zu können, WAS die Akteurinnen im selbstverständlichen menschlichen Miteinander in der gelebten Praxis tun, und WIE sie das tun. In der Untersuchung wurden Videoaufnahmen von alltagspraktischen Handlungen der Pflegeexpertinnen und ihren Interaktionspartnerinnen mit schwerer Demenz detailliert rekonstruiert (Mikroanalyse), analysiert, miteinander verglichen und diskutiert (vgl. Döttlinger 2018).
Einen Mikroausschnitt aus dem breiten Spektrum der Ergebnisse meiner Untersuchung möchte ich an dieser Stelle an einem Praxisbeispiel vorstellen. Anhand dessen wird das, WAS die beiden Interaktionspartnerinnen tun und WIE sie es tun, reflektiert und diskutiert.
Praxisbeispiel: Gestenspiegelung schafft Autonomie
Praxisbeispiel: Gestenspiegelung schafft Autonomie
Vorgeschichte: Ich nenne die Person mit Demenz Frau Wode* (Frau W.). Sie lebt seit einem halben Jahr in einer Pflegeeinrichtung. Sie hat eine Alzheimer-Demenz, früher Beginn im schweren Stadium. Frau W. ist 54 Jahre...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 49 / 2018

Beziehungsgestaltung

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Wissenschaft