Martin W. Schnell

Endliches Leben

Ein Mensch stirbt - die Angehörigen leben weiter; diese Asymmetrie kann nicht überwunden werden
Ein Mensch stirbt - die Angehörigen leben weiter; diese Asymmetrie kann nicht überwunden werden, © Photographee.eu / shutterstock.com

Martin W. Schnell|Christine Dunger

Pflege zwischen würdeschaffender Beziehung und Stigmatisierung

Der Mensch an sich auch in der professionellen Rolle als Pflegende/r steht immer in Interaktion mit Anderen, wie auch immer deren Leben aufgestellt ist. Was bedeutet das für die Beziehungsgestaltung zwischen der pflegenden und der gepflegten Person? Eine Einladung zu einer ethisch-philosophen Betrachtung.

Leben als leibliches und endliches Leben
Der Mensch wird geboren, um sich gemeinsam mit anderen zu entfalten, die künstliche d.h. konstruierte, nicht natürliche – Welt zu erfinden und zu gestalten. Der mächtige Mensch ist aber auch ein endlicher Mensch, der pflegebedürftig und/oder behindert sein/werden kann, altert und sterben muss. Die Existenz ist endlich, da jeder Mensch einen Körper hat und somit als leibliches Wesen existiert. Dieser Leib ist nicht für die Ewigkeit gemacht.
Leibliches Existieren bedeutet, dass jeder Mensch sich zu sich selbst verhält und sein Dasein in Sorge um sich selbst führt. Die Gestaltung dieser Sorge ist immer auch auf die Lebenspraxis anderer bezogen (Schnell, 2008, 2017). Aus der Beziehung zu anderen ergibt sich auch, dass Menschen sich nicht nur um sich selbst sorgen, sondern auch um den jeweiligen anderen. Familie, Freunde, aber auch Gesellschaft und Politik sind relevante Bezugssysteme, in denen gegenseitige Sorge, Achtung und Anerkennung gewährt wird (Schnell, 2008, 2017).
Vor diesem Hintergrund ist Ethik als nichtexklusiver Schutzbereich zu betrachten. Sie fragt danach, ob und in welchem Sinne ein Schutzbereich angesichts der Verletzlichkeit (Vulnerabilität) eines jeden Menschen geschaffen werden kann. Nichtexklusiv ist dieser Schutzbereich, sofern er niemanden von Achtung und Würde ausschließt.
Vulnerabilität als Kontext von Selbst- und Fürsorge
Die angesprochene Leiblichkeit des Menschen sowie die Selbst- und Fürsorge alltäglicher Lebensgestaltung sind die Basis weiterer Überlegungen. Mit Fürsorge ist die verantwortungsvolle und handlungsleitende Anerkennung des Anderen und seiner Bedürfnisse gemeint.
Übertragen auf die professionelle Pflege setzt sie als aktive Konsequenz aus der Anerkennung des Anderen als pflegebedürftige Person dann ein, wenn Selbstsorge und/oder familiale Fürsorge nicht mehr ausreichend umgesetzt werden. Im Rahmen der Fürsorge übernehmen so die Heilberufe Verantwortung für bedürftige Menschen (Dörner, 2001). Professionelle Pflege ist in diesem Sinne als Kompensation zu verstehen, hat die Selbstsorge des Einzelnen als Selbstbestimmung sowie die familiale Sorge/Fürsorge des Bezugssystems zu berücksichtigen und ist streng an der (momentan) nicht mehr zu verwirklichenden Selbstsorge zu orientieren.
Ethik als nichtexklusiver Schutzbereich
Eine Ethik als nichtexklusiver Schutzbereich verfolgt das Ziel, keinen Menschen aus der Sinn- und Systembildung oder von der gesellschaftlichen Teilhabe auszuschließen. Damit wird zugleich deutlich, dass nicht jeder Ausschluss oder Aufschub ethisch relevant ist. Nur diejenigen Situationen, in denen es keine Möglichkeit gibt, das Verweigerte anders oder später zu verwirklichen, in denen Verletzungen geschehen oder in denen menschliche Würde missachtet wird, sind als ethisch relevant zu betrachten (Dederich, 2011; Schnell, 2017).
Die Anerkennung eines Menschen als Meinesgleichen geschieht dabei nicht durch personale Eigenschaften d.h. Eigenschaften, die eine Person ausmachen, in Angrenzung zu weniger wertvollen Wesen (z.B. Kinder, Menschen mit Demenz oder im Wachkoma) die dem Anderen zugeschrieben werden, sondern aufgrund der Tatsache, dass er ein anderes Selbst ist, auf das ich mich beziehe. Dass ich meine(n) Gegenüber als anderes Selbst anerkenne, ist aus Sicht einer nichtexklusiven Ethik gegeben, bevor ich in irgendeine Form der aktiven Interaktion gehe. Was ich dann handelnd oder sprechend realisiere, welche Art der Interaktion ich umsetze, d.h. welche Leistung ich ihm...
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aus: pflegen Palliativ Nr. 44 / 2019

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