Durch Bindung Sicherheit geben

Eltern lehren ihren Kinder Selbstständigkeit, sodass sie ihre eigenen Wege gehen können. Menschen mit Demenz wünschen sich die Rückkehr in eine geborgene und sichere Umgebung. Nähe kann Angst lindern
Eltern lehren ihren Kinder Selbstständigkeit, sodass sie ihre eigenen Wege gehen können. Menschen mit Demenz wünschen sich die Rückkehr in eine geborgene und sichere Umgebung. Nähe kann Angst lindern, 2 Fotos: © Andrey Popov/stock.adobe.com; © MinDof/stock.adobe.com

Warum Beziehung in der Pflege (von Menschen mit Demenz) unverzichtbar ist

Der Aspekt der Beziehung wird im alltäglichen Pflegehandeln oft unterschätzt. Der Demenz-Experte CHRISTIAN MÜLLER-HERGL erklärt, warum eine gute Beziehung viel für das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz und den Menschen, die sie betreuen, beiträgt.

Die Pflege ist ein dynamischer Problemlösungs- und Beziehungsprozess, wobei der Aufbau einer professionell-unterstützenden, vertrauensvollen Beziehung sowohl Voraussetzung für die Durchführung als auch die Evaluation der Problemlösung darstellt. In und durch die Beziehung werden die Wirkungen der Maßnahmen sowie der Anpassungsbedarf offenbar: der Rückkopplungseffekt. Beide Prozessebenen setzen eine ganzheitlich orientierte, individuelle Pflege voraus, die u.a. Angehörige miteinbezieht und die Biographie nicht außer Acht lässt (vgl. Fiechter/Meyer 1998). Diese Vorstellung ist bekannt und im Grundsatz ist damit alles gesagt.
Oder eben auch nicht: In den bekannten Pflegeprozessmodellen findet der Aspekt der Beziehungsaufnahme und -gestaltung nur wenig Beachtung (Ausnahme: Hildegard Peplau) und wird, wenn überhaupt, in der Assessmentphase aufgegriffen Beziehung als eine Art „Prolog zum eigentlichen Geschehen. Außerdem ist in diesen Ansätzen der funktionale, instrumentalisierte Charakter der Beziehung kaum zu übersehen: Mit der Problemlösung endet die Beziehung. Beziehung ist nur insofern systemrelevant, als sie zur Lösung beiträgt. Ein „intelligentes Mitfühlen (Maria Mischo Kelling), Pflege als die Existenz umfassende, heilende, Anteil nehmende und fürsorgliche Hilfe (Heiner Friesacher) und vergleichbare Theorieansätze haben sich bislang kaum als Gegengewicht zur Industrialisierung der Pflege und systemischen Abwertung der sorgenden Anteile behaupten können (vgl. Friesacher 2015).
Dies reicht in der Pflege von Menschen mit Demenz bzw. im Feld der palliativ-psychiatrischen Pflege von alten Menschen mit chronischen, behandlungsresistenten psychischen Erkrankungen bei weitem nicht aus. Warum nicht? Menschen mit Demenz können die Normerwartung einer rationalen Behandlung nicht erfüllen, sie verweigern die Krankenrolle und sind nicht in standardisierte Behandlungspfade, also in „geschlossene Situationen, integrierbar.
Demenz was passiert, wenn die Selbst-Funktionen kollabieren?
Barry Reisberg hat mit dem (wenn auch nicht unumstrittenen) Konzept der „Retrogenesis die Grundlage für ein Verständnis der Demenz als „schicksalhafte Abhängigkeit bzw. Abhängigkeit als Ausgeliefertsein gelegt: Der Verlust der funktionalen Fähigkeiten einer Demenz weise Ähnlichkeiten mit der schrittweisen Entwicklung dieser Fertigkeiten bei normalen Kindern auf (vgl. Reisberg 2002). Die demente Form der Abhängigkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die Person nicht nochmals bewusst zu ihr verhalten, sie nicht in das Selbstkonzept „mitnehmen kann: Die Erfahrungen mit der Demenz können vielleicht noch symbolisch, zunehmend aber nicht mehr kognitiv repräsentiert werden. Die Person erkennt ihre Abhängigkeit nicht. Sie wird ahnungslos über sich selbst und verliert die integrative Funktion des Selbst (vgl. Yokoi 2012). Die unterschiedlichen Funktionen des Hirns können nicht mehr miteinander und mit den Umweltwahrnehmungen kohärent verknüpft werden. Ist die Wirklichkeit nicht mehr zu deuten, dann kann sie überwältigend wirken. Das ganzheitliche Gefüge psychischer Dispositionen und Funktionen wird gestört. Kollabieren wesentliche Selbst-Funktionen, dann entsteht Hilflosigkeit und Vernichtungsangst. Es resultiert ein Versagen der Stressregulation, das entweder in Panikattacken oder Wut (Hypererregung) bzw. Verzweiflung oder Depressivität (Hypoerregung) endet. Das basale Sicherheits- und Identitätsempfinden ist nicht mehr aktivierbar, die inneren Modelle von sich selbst, anderen, der Umwelt („default mode network = „Ruhezustandsnetzwerk) stehen nicht mehr zur Verfügung. Dadurch werden...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 49 / 2018

Beziehungsgestaltung

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Wissenschaft