Detlef Rüsing

Die richtigen Fragen stellen

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Detlef Rüsing

Erwartungen und Befürchtungen beim Einsatz von technischen Hilfsmitteln in der Pflege

Immer wieder hört man in Gesprächen zurückhaltende oder gar „verteufelnde Kommentare zum Einsatz von Technik in der Pflege. Eine besondere Vehemenz bekommen kritische Kommentare häufig dann, wenn es um die Pflege von Menschen mit einer Demenz-erkrankung geht. Dabei nutzen Pflegende technische Hilfsmittel fast schon selbstverständlich. In vielen Situationen kann sie Entlastung bewirken. Zweifel zum Einsatz und Nutzen von Technik in der Pflege häufen sich meistens, wenn die falschen Fragen gestellt werden, meint der Pflegewissenschaftler und pflegen: Demenz-Herausgeber Detlef Rüsing.

Häufig liest oder hört man Kommentare wie „Ich bin gegen den Einsatz von Technik oder „Ich möchte nicht von einem Roboter gepflegt werden. Noch erstaunlicher als diese Kommentare sind in meinen Augen zuweilen die Fragen, die gestellt werden. Und diese sind es, die im Grunde die zitierten Sätze provozieren. So gibt es wie in der heutigen Zeit üblich häufig sehr polarisierende Fragestellungen wie z.B.: „Sind Sie für oder gegen Technik in der Pflege? oder „Möchten Sie von einem Roboter gepflegt werden?. Treibt man diese in meinen Augen absurde Form der Auseinandersetzung mit dem Einsatz technischer Hilfsmittel auf die Spitze, mündet diese in der Frage: Wie würde der Tag für pflegebedürftige Menschen und Pflegepersonen ohne jegliche technische Hilfsmittel aussehen? Das Praxisbeispiel soll verdeutlichen, dass wir in der Pflege schon immer technische Hilfsmittel angewendet haben ... und es hat schon immer Personen gegeben, die versucht haben, diese zu ignorieren.
PRAXISBEISPIEL: Herr Grote* braucht Unterstützung
Herr Grote ist ein 89-jähriger Mann mit einer Multiinfarktdemenz. Er lebt in einem städtischen Altenheim. In den letzten 12 Monaten hat sich sein kognitiver Zustand anfallsweise stark verschlechtert, sodass er mittlerweile sowohl zur eigenen Person als auch Umgebung stark desorientiert ist. Er erkennt seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, die Pflegekräfte und auch seine Kinder bei Besuchen nicht mehr. Auch sein Bewohnerzimmer findet er nicht mehr allein. Häufig ist er situativ verwirrt, was sich z.B. darin äußert, dass er sein Essen nicht mehr als solches erkennt. Hinzu kommt, dass sich sein körperlicher Allgemeinzustand chronisch verschlechtert. Er ist nicht mehr in der Lage, allein zu gehen. Außerdem leidet er unter starken Gleichgewichtsstörungen und ist dadurch bereits zwei Mal gestürzt. Seit etwa sechs Wochen kann er vermutlich infolge seiner Durchblutungsstörungen kaum noch sehen, sodass er seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen von Karl-May-Büchern nicht mehr nachgehen kann.
In einer Pflegewelt ohne Technik
In einer Welt ohne technische Hilfsmittel wäre das Leben für Herrn Grote und für die ihn betreuenden Pflegenden beschwerlicher, ungleich isolierter und ereignisloser.
Aufgrund seiner mangelnden Beweglichkeit und des gestörten Gleichgewichtssinns müssten die Pflegenden ihm am Morgen aus dem Bett helfen. Ohne die moderne Technik eines Pflegebetts wäre die Mobilisation von Herrn Grote für die Pflegenden sehr beschwerlich. Sie müssten vor dem niedrigen Bewohnerbett welches sich nicht in der Höhe verstellen ließe knien und versuchen, Herrn Grote auf die Bettkante zu setzen. Das wäre sehr rückenbelastend für sie. Das Gleiche gelte für das Aufstehen aus dem Bett. Mit einem Pflegebett könnte er für die Pflegepersonen rückenschonend auf die passende Höhe „gefahren werden, um ihm behilflich zu sein. Zudem könnte das Bett auf die Höhe gefahren werden, in der es Herrn Grote leicht fiele, sich ohne viel Kraft, aber eigenständig auf die Beine zu stellen. Um in Begleitung ins Badezimmer zu gelangen, müsste er im besten Falle von zwei Pflegepersonen geführt werden. Durch den Einsatz von Technik, z.B. mithilfe eines Rollators, könnte er allein ins Bad gehen und sich dort vor das...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 55 / 2020

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis