Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

Foto: © Werner Krüper

Der neue Expertenstandard

Im Oktober 2017 wurde der neue Expertenstandard für die Pflege der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Seit April 2018 kann er bestellt werden (s. S. 47). Was steht drin? Worauf zielt er? Christian Müller-Hergl, Mitglied der Expertengruppe, die den Standard erarbeitet hat, stellt ihn in seinen Grundzügen vor.

Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz müssen individuell erfolgen: da wirkt das Konzept „Standard zunächst irritierend. Allerdings werden die DNQP-Standards (Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege) als Handlungsrichtlinien auf einem mittelabstrakten Niveau verstanden, auf die sich ausgewählte Mitglieder der Berufsgruppe der Pflegenden in einem geordneten Verfahren geeinigt haben. Das aktuelle Wissen, aber auch Erfahrungen aus der Pflegepraxis fließen in die Erstellung des Standards ein: Auf der Basis wissenschaftlicher Literaturstudien (wissenschaftliches Team) erarbeitet eine Expertengruppe (12 Personen) Empfehlungen für Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität und kommentiert diese umfassend. Da ein solcher Expertenstandard für Pflegende in allen Arbeitsfeldern gelten soll, muss er konkretisiert und in den jeweiligen Einrichtungen operationalisiert werden. Es wird ein Leistungsniveau des pflegerisch Richtigen und Wichtigen beschrieben, unabhängig davon, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen auch finanzierbar und umsetzbar ist - wobei der Blick auf die Praxis immer präsent ist. Verbindlich werden die Expertenstandards dadurch, dass sich Pflegende und Institutionen dazu verpflichten. Allerdings: dies nicht zu tun, müsste man schon einschlägig begründen, um nicht als unprofessionell zu gelten.
Zentral für die Pflege: Beziehung
Das Feld der Pflege von Menschen mit Demenz ist weit und groß. Wo soll angesetzt werden? Schnell war man sich einig, die Sache aus der Perspektive der Zielgruppe zu betrachten. Dies hieß, von den Bedürfnissen und der Lebensqualität der Personen mit Demenz, also der Lebenssituation der Betroffenen auszugehen, und nicht von den Defiziten. Verschiedene Ansätze und Theorien ließen schnell die Beziehung als zentrales Bedürfnis und Qualitätsmerkmal in den Mittelpunkt rücken. Kognitive Veränderungen bedeuten ja auch emotionale, soziale und beziehungsbezogene Veränderungen. Unter anderem erodieren psychische Sicherheit, Urvertrauen, das Gesamtensemble psychischer Funktionen inklusive der integrierenden Funktionen des Selbst. Um ein Minimum von Sicherheit zu gewinnen, ist eine vertrauensvolle und emotional warme Beziehung zu anderen Personen primär Angehörige, dann aber auch professionell Pflegende unverzichtbar, um Ängste zu binden, eine Kohärenz zu finden und sich halbwegs psychisch zu stabilisieren. Schon Tom Kitwood äußerte die Vermutung, dass Menschen mit zunehmender Demenz nur in der Begegnung sich wieder ein stückweit rekonstituieren, ein wenig Klarheit über sich selbst gewinnen und sich als Person erfahren können. Fehlt ein solches ‚Hilfs-Ich, ist vermehrt mit herausforderndem Verhalten und einer schlechten Lebensqualität zu rechnen. Es geht demnach nicht so sehr um das WAS die Interventionen sondern um das WIE Präsenz, Aufmerksamkeit, Zugewandtheit, Anerkennung, Zuversicht, Beachtung der Individualität, Anerkennung – , kurz darum, der Person mit Demenz ein personales Gegenüber zu sein. Anleihen an eine therapeutische Beziehung auch in der Pflege werden deutlich.
Aus diesen Zusammenhängen heraus thematisiert der Expertenstandard Themen wie palliative Versorgung, herausforderndes Verhalten oder auch Demenz im Rahmen von Lernbehinderungen nicht oder nur am Rande. Beziehung ist auch in diesen Kontexten der zentrale Dreh- und Angelpunkt für das Grundverständnis von Pflegenden, um Person-Sein und Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu stützen.
Zielsetzung des Standards
Die zentrale Zielsetzung lautet: „Jeder pflegebedürftige Mensch mit Demenz erhält Angebote zur Beziehungsgestaltung, die das Gefühl,...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 47 / 2018

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Wissenschaft