Wahrnehmung fördern und das Wohlbefinden verbessern

Basale Stimulation® in der Pflege: Menschen in palliativen Situationen begleiten

Basale Stimulation® in der Pflege ist ein Konzept menschlicher Begegnung. Mit der Anwendung kann unter anderem die Selbstwahrnehmung von beeinträchtigten und schwerkranken Personen unterstützt werden. Anja Köhler ist Fachpflegekraft für Onkologie und Palliativ Care und arbeitet in einem palliativmedizinischen Konsildienst. Sie berichtet von ihren Erfahrungen mit dem Konzept der Basalen Stimulation® und wie Sie Patienten damit unterstützen kann.

Basale Stimulation in palliativen Situationen
Basale Stimulation kann das Wohlbefinden stärken ©pixabay

Heute besuche ich noch einmal Nick*. Nick, 23 Jahre alt, Diagnose: Leukämie mit komplikativem Verlauf, Organversagen. Der dreijährige Kampf um sein Leben hat ihn an seine psychischen und physischen Grenzen gebracht. Ich bin Fachpflegekraft für Onkologie und Palliative Care und arbeite als Palliativ-medizinischer Konsildienst Pflege. Nick habe ich vor über zwei Wochen auf der Onkologie kennengelernt. Im Erstassessment erfasste ich gemeinsam mit einem Palliativmediziner die Sozialanamnese, körperliche und seelische Beschwerden, als auch Wünsche und Ziele des Patienten. Das Sprechen fiel dem jungen Mann schwer. Die Atmung war schnell und flach, er war aufgeregt. Mitten im Gespräch entschied ich mich, ihm eine atemstimulierende Einreibung (ASE) anzubieten. Etwas skeptisch nahm er das Angebot an, schließlich hatten wir uns gerade erst kennengelernt.

Kommunikation durch Berührung 

Bei der ASE wird der Rücken rhythmisch mit einer Lotion eingerieben, um den Patienten zu entspannen, dadurch die Atmung zu erleichtern und die Wahrnehmung zu verbessern. Mit seiner eigenen Lotion führte ich die Einreibung durch, entspannte die Situation etwas und kam gut mit Nick in Kontakt. Meine Hände auf seinem Rücken: horchend, fühlend, rhythmisierend, warm, fest, klar – ein Austausch ohne Worte.

Am nächsten Tag war die Atmung besser, die Pleuraergüsse waren punktiert worden. Ich war erstaunt, als Nick mich sofort um eine ASE bat. Gern kam ich seinem Wunsch nach. Ich lernte den jungen Mann in den nun folgenden Tagen immer besser kennen. Es entstand eine sehr vertrauensvolle Beziehung. In dieser Zeit verschlechterte sich Nicks Zustand erneut und eine Verlegung auf die Intensivstation wurde thematisiert. Wir sprachen sehr offen über die Situation und Nick äußerte zwei Wünsche an mich: Er wollte mit „du“ angesprochen werden, und er wollte, dass ich seine Eltern kennenlernte.

Erhebung der Sensobiografie - für eine individuelle Anwendung der Basalen Stimulation®  in der Pflege 

  • Gemeinsam erfassten wir seine Sensobiografie, um Vorlieben und Abneigungen festzuhalten. Dabei stelle ich Fragen, wie: Wo darf ich dich berühren, und was ist dir unangenehm? Was tut dir gut?
     
  • Alle Sinne werden bei der Erfassung berücksichtigt: Magst du Musik und möchtest du genau deine Lieblingsmusik vielleicht auch ab und zu hören? Magst du lieber warm oder kalt? Was trinkst du gern? Kommt Zucker und Milch in den Kaffee? Und vieles mehr. Dieses Wissen ist bei meinen Begegnungen mit Patienten, mit denen ich nicht verbal kommunizieren kann, äußerst wertvoll. Oftmals hole ich mir solche Informationen dann auch von den Angehörigen der Patienten.

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Den Körper wieder spüren

Auf der Intensivstation besuchte ich Nick jeden Vormittag zur gleichen Zeit. Er war oft sehr müde − die Unruhe im Vierbettzimmer, die andauernden Alarme der Überwachungs- und Beatmungsgeräte sowie der Spritzenpumpen störten seine Nachtruhe. Er verlor seinen Tag-Nacht-Rhythmus und die zeitliche Orientierung. Als immer gleiche Begrüßung führte ich eine Initialberührung im Bereich der linken Schulter durch, sagte ihm dabei, wer ich war und was für einen Tag wir hatten. Oftmals huschte ein Lächeln über Nicks Gesicht. Manche Tage konnten wir ein paar Worte wechseln, an anderen Tagen fehlte die Kraft, oder seine Worte und Gedanken purzelten durcheinander. Ich beobachtete jeden Tag sehr genau, was Nick gerade brauchte. Meine Angebote passte ich diesen Beobachtungen individuell und täglich neu an. Waren die Beine unruhig, strich ich sie aus, damit er seinen eigenen Körper spüren konnte, zum Beispiel mit einer Lotion oder mit über die Hände gestülpten Tennissocken. Ich modellierte zu diesem Zweck auch die Körperkonturen mit der Decke nach. Bei jedem Besuch bot ich ihm Mundpflege mit seinem Lieblingsgetränk an und brachte ihm oftmals eine Cola von der Palliativstation mit, weil er diese so gern mochte. Ich saß neben ihm, als ihm seine Lieblingsband über Kopfhörer Lieder ins Ohr sang, und manchmal erzählte ich ihm einfach nur von der Welt vor der Uniklinik. Gedanklich nahm ich ihn mit auf meine Runde mit dem Hund, „entführte” ihn in den Wald oder durch mein Dorf.

Professionelle und individuelle Beziehungen gestalten

Nicks Eltern kamen zweimal pro Woche aus dem 120 Kilometer entfernten Heimatort gefahren. Jetzt, da wir uns kennengelernt hatten, war ich ihre Kontaktperson. Täglich telefonierten wir und tauschten Informationen aus. Für sie war es unsagbar schwer, nicht öfter bei Nick sein zu können, doch ihre Situation war nicht leicht. Sie waren berufstätig, das Haus musste weiter bezahlt, der Bruder versorgt werden. Nach den zwei Wochen auf der Intensivstation wurde Nick auf die Palliativstation verlegt, um sich zu stabilisieren, zu erholen, zu mobilisieren und dann vielleicht noch einmal eine gute Zeit zu Hause verbringen zu können. Heute besuche ich ihn noch einmal – und an diesem Tag auch noch sechs weitere Patientinnen und Patienten. Jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, nicht jede kenne ich. Jeder Patient ist anders eingeschränkt. Immer muss ich gut schauen, welches gerade sein Lebensthema ist. Sehr individuell gestalte ich die Kommunikation und den Umgang mit jedem einzelnen.

Praktische Erfahrung zählt

Drei Jahre bin ich nun schon Praxisbegleiterin für Basale Stimulation®. Die einjährige Ausbildung absolvierte ich am Bildungszentrum Pflege in Bern. Nicht einen Tag habe ich diese Entscheidung bereut. Ich habe sehr viel Wissen in Theorie und Praxis erworben, kann mein Handeln gut begründen, bin in der Anleitung von Kolleginnen und Kollegen sowie Angehörigen sicher und kompetent. Jeden Tag sammle ich neue Erfahrungen und entwickle mich, gemeinsam mit meinen Patientinnen und Patienten.


* Name von der Redaktion geändert

Mehr Informationen zur Weiterbildung Basale Stimulation® erhalten Sie beim Internationalen Förderverein Basale Stimulation e.V. 

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Praxis