Mara Kaiser

Auch Pflegende dürfen sich ekeln

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Mara Kaiser

Herausforderungen professioneller Beziehungsgestaltung

Im alltäglichen Arbeiten in der Pflege, kann es zu verschiedenen ekelerregenden Siuationen kommen. Eine Untersuchung mit Palliative-Care-Pflegenden in einem stationären Hospiz beleuchtet am Beispiel des Gefühls Ekel die beeinflussenden Faktoren einer professionellen Beziehungsgestaltung und die daraus resultierenden Aspekte für die Pflegepraxis.

In einem Hospiz in Deutschland fand eine Untersuchung zum Thema „Umgang mit ekelerregenden Situationen in der palliativen Versorgung statt. Zwei Pflegende teilten ihre Pflegeerfahrungen aus der Alltagspraxis im Rahmen der genannten Forschungsarbeit (Kaiser, 2017). Deren Ziel war es, die Komplexität der Beziehungsgestaltung zwischen Pflegenden, Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen, anhand des bislang wenig untersuchten Phänomens des Ekels, abzubilden und zu verstehen.
Im Erfahrungsaustausch wurde deutlich, dass viele Themen im Verborgenen bleiben und kaum zur Sprache kommen oder reflektiert werden. Das Gefühl des Ekels ist eines dieser Themen, die in der Stille gehalten aber dennoch beinahe täglich im pflegerischen Handeln erlebt und gefühlt werden.
Ekelgefühl wird nicht ausgesprochen
Pflegenden kommen eine Reihe von Geschichten und Situationen in den Sinn, in denen sie sich ekeln oder geekelt haben. Ausgesprochen wird das Gefühl des Ekels hingegen selten. Auch im Rahmen der Untersuchung, in welcher ganz bewusst nach dem Umgang mit Ekel gefragt wurde, wählten die Pflegenden meist andere Worte wie: seltsam, komisch, unangenehm oder abstoßend, um die jeweilige Situation und das damit einhergehende Ekelgefühl zu umschreiben. Eine Pflegende äußerte: „[] für mich beinhaltet der Ausdruck des Ekels etwas Wertendes (Kaiser, 2017: Transkriptmaterial).
Aus einer professionellen Haltung heraus versuchen Pflegende, möglichst wertfrei in Interaktion mit den zu Pflegenden und deren Angehörigen zu treten. Dabei verstecken sie belastende Gefühle. Ekelgefühle sind spürbar, aber nicht sichtbar, und können deshalb im Verborgenen gehalten werden.
Ekel in der Stille
Ekel wird nicht ausgesprochen,
nicht erklärt,
nicht gezeigt,
nur gefühlt.
Ekel bleibt verborgen,
unsichtbar,
still.
Kaiser, 2017
Die Gestaltung wertschätzender Interaktionsräume
Holmes et al. (2006) gehen davon aus, dass es auf das sozial und professionstheoretisch konstruierte Bild der Pflegenden zurückzuführen ist, dass negative Emotionen wie Ekel oder Abneigung nicht verbalisiert werden. Ihr Erklärungsansatz geht auf das heute dominierte Bild des Menschen als rational-analytisches und mechanisch funktionierendes Wesen zurück (Maio et al., 2008). Durch diese Sichtweise erhält jedoch das emotionale und irrationale Wissen der Pflegenden kaum Raum.
Gerade die palliative Pflege kommt ohne ein weiter gefasstes Menschenbild, das Fürsorge und Bezogenheit ebenso wie Sinn- und Beziehungsfragen zu Grunde legt, nicht aus (Baumann & Kohlen, 2018; Leget & Kohlen, 2018). Die hospizliche Kultur lebt einen anderen Rhythmus als die Akutversorgung und stellt die erkrankten Menschen und ihr soziales Umfeld ins Zentrum der Versorgung. Folglich ist es eine zentrale Aufgabe von Palliative-Care-Pflegenden, respektvolle und wertschätzende Interaktionsräume zu gestalten. Die Ausbildung ermöglicht ihnen, das Wohl der Patientinnen und Patienten sowie der Angehörigen im Blick zu behalten. Aber wie können sie dabei die erforderliche Selbstfürsorge betreiben?
Care-Verantwortung bedeutet auch Selbstfürsorge
„Manchmal schützen wir uns selbst. Und manchmal schützen wir die anderen (Kaiser, 2017: Transkriptmaterial), äußerte eine Teilnehmerin in der Untersuchung. Diese Aussage ist Ausdruck einer Care ethischen Haltung.
In der Palliative Care geht es darum sich als Pflegende den Sterbenden zuzuwenden (van Hejist, 2011). Diese Form der Care-Verantwortung geht aber auch mit der Verantwortung der Selbstpflege einher (Kohlen, 2018; Conradi, 2001). Es...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 44 / 2019

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis