Kunst als Brücke zum Verständnis

Das Malprojekt gab auch den Asylbewerbern die Möglichkeit, sich auszudrücken und miteinander in Kontakt zu treten
Das Malprojekt gab auch den Asylbewerbern die Möglichkeit, sich auszudrücken und miteinander in Kontakt zu treten, Foto: © Ulla Johr Mennigmann

Ausdrucksmalen als therapeutischer Ansatz bei Menschen mit Demenz und Asylbewerbern

In einem Projekt der Künstlerin Ulla Johr Mennigmann wird deutlich, wie mithilfe des freien Ausdrucksmalens ein Zugang zu Menschen mit Demenz gefunden werden kann. Erstaunlich sind die Parallelen, die sich in einem nachfolgenden Projekt mit Geflüchteten gezeigt haben.

Freies Ausdrucksmalen – das, was sich gerade im Kopf bewegt, auf die Leinwand bringen , kann das ein Angebot für desorientierte Menschen sein, die sich in ihrer Umgebung kaum zurecht finden können, die zum Teil in ihrer eigenen Welt leben, sich nicht mehr artikulieren können?
Nach eigenen Impulsen handeln
In dem Seniorenheim Haus Husemann in Unna hatte ich die Möglichkeit, mit interessierten desorientierten Menschen dieser Frage nachzugehen.Wir nutzten einen hellen, freundlichen Raum als Atelier. Hier stand ein Tisch für die Goachefarbpalette, Staffeleien und Sitzgelegenheit sowie ein runder Tisch zur Entspannung mit Getränken. Dass der Boden mit Papier geschützt wurde, erwies sich als überflüssig. Durch die Begleitung examinierter Pflegekräfte und Schülerinnen und Schüler hatten wir den unschätzbaren Luxus einer Eins-zu-eins-Betreuung.
Sechs der 10 ursprünglich ausgewählten Menschen malten regelmäßig einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten. Bis auf eine Teilnehmerin hatte niemand vorher gemalt.
Alle Ideen sollten von den Malern und Malerinnen selbst gefunden werden. Die Begleiter und die Malenden konnten sich auf die Suche nach der authentischen Bildaussage der Malenden begeben.Mein Wunsch war, dass die entstehenden Exponate Aufschluss über Denkweisen und Empfindungen der dementiell veränderten Maler und Malerinnen geben könnten.
Durch die Schulung der „angewandten Empathie wandelte sich die anfängliche Unsicherheit der Schülerinnen und Schüler rasch in eine fortschreitende soziale Kompetenz im Umgang mit den dementiell veränderten Menschen. Das Miteinander war getragen von Achtung, Wertschätzung und Akzeptanz der einzelnen Persönlichkeiten.
Mit verhaltener Skepsis und großer Spannung konnten wir beginnen: Der Malprozess überstieg alle Erwartungen. Nach vorsichtigem Beginn löste das Arbeiten mit Farben einen lebhaften Austausch zwischen den Begleitern und den Malenden aus. Es ergab sich ein schönes Miteinander. Interessierte Bewohner des Hauses schauten zu und eine gelöste, von Humor und Begeisterung getragene Atmosphäre bereicherte den gesamten Heimalltag.
Die ursprüngliche Erwartungshaltung, aussagefähige Exponate zu erhalten, an der sich die Sichtweise desorientierter Menschen ablesen lassen, um sie besser verstehen zu können, trat vorerst in den Hintergrund. Der Weg wurde, wie so oft, zum Ziel. Das freie, selbstbestimmte Malen verselbstständigte sich, gab Raum für neue, spontan entwickelte Handlungen und sich dadurch ergebende Beschäftigungsangebote. Dafür erwies sich der Malprozess als ein wunderbarer Nährboden. Das Auswaschen der Pinsel, ein gesummtes Lied, in das alle nach und nach einstimmten, wurde abgelöst von einer bühnenreifen Rezitation eines Goethe-Gedichtes, die uns sprachlos machte. Nach kurzer Zeit tauschten sich die Maler mit Bewohnern und Angehörigen über die Qualität und Aussage ihrer Bilder aus. Hier faszinierte die souveräne, kompetente Haltung der desorientierten Künstlerinnen und Künstler, sie wurden zu anerkannten Experten, erläuterten ihre Bilder mit Gestik, Mimik und auch mit Worten.
Diesen spannenden Prozess wollten wir festhalten und stellten eine Wort-, Film und Fotodokumentation zusammen.
Wie befreiend war es für diese kleine Gruppe von dementiell veränderten Menschen, endlich wieder nach eigenen Impulsen handeln zu dürfen. Hier waren sie Herr über ihre eigenen Entscheidungen, die ihnen im Alltag immer mehr entglitten. Wie viel Stolz auf die eigene Leistung wurde sichtbar. Wie dialogfähig sich die Malerinnen und Maler zeigten und wie viel Akzeptanz ihnen von allen Seiten entgegengebracht wurde.
Nach...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 47 / 2018

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Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis