Sebastian Heinlein

Quälender Husten

Unter quälendem Husten leiden auch viele Palliativpatienten
Unter quälendem Husten leiden auch viele Palliativpatienten, Foto © damto | stock.adobe.com

Sebastian Heinlein

Wenn ein Schutzreflex zur Belastung wird

Husten ist ein natürlicher Schutzreflex unseres Atemsystems. Er kann sich aber zu einem eigenständigen Symptom bei Palliativpatientinnen und -patienten entwickeln, andere Symptome verstärken und die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Das Erkennen und adäquate Behandeln im interprofessionellen Team können hier Linderung verschaffen.

Husten ist ein komplexes, belastendes Symptom. Der zehrende, ständige Hustenakt verstärkt die Erschöpfung (Fatigue), raubt den Schlaf, belastet das Umfeld und stört damit die sozialen Beziehungen der betroffenen Personen. Starker Husten kann Harninkontinenz, Erbrechen und Atemnot bis zu Erstickungsängsten auslösen und durch Knochenmetastasen geschwächte Rippen können sogar brechen.
Auch die psychische Belastung ist nicht zu unterschätzen: Vielfach war Husten der Auslöser für die Diagnose der lebensbedrohlichen Erkrankung und wird als Indiz für das Fortschreiten dieser gesehen, was wiederum Angst und Panik verstärken kann.
Pathophysiologischer Hintergrund
Der eigentliche Hustenakt dient dazu, Sekret, Fremdkörper oder Gase schnell aus dem Atemsystem zu befördern. Der Hustenreflex beginnt mit der Aktivierung der peripheren Hustenrezeptoren im Atemwegsepithel durch mechanische, chemische oder entzündungsbedingte Reize. Diese werden über den Vagusnerv an das Hustenzentrum im Hirnstamm weitergeleitet, das mit Opioid-, GABA-, NMDA-Rezeptoren ausgestattet ist. Der Reiz wird unter Beeinflussung von höheren Hirnzentren verarbeitet, was uns u.a. willentliches Husten ermöglicht, und schließlich der motorische Impuls zum Husten ausgelöst. Es wird unterschieden zwischen
  • produktivem Husten: Sekret wird abgehustet
  • unproduktivem Husten (Reizhusten): hierbei wird kein Sekret abgehustet.
Um Schmerzen bewusst oder unbewusst zu umgehen, kann sich das Husten der betroffenen Personen auch als ein häufiges Räuspern zeigen. Bei Menschen in palliativen Situationen ist eine Husteninsuffizenz von Bedeutung, wenn die Kraft fehlt, das Sekret ausreichend abzuhusten.
Vielfältige Ursachen in derPalliative Care
Die Ursachen von Husten sind vielfältig. Neben onkologischen können neurologische, internistische und enterogastrologische Erkrankungen ebenfalls Husten verursachen (Engleka, 2016; Albrecht, 2018).
Bis zu 86 Prozent aller Lungenkrebspatientinnen und -patienten sowie bis zu 37 Prozent aller Krebserkrankten leiden an Husten (Engleka, 2016; Bausewein & Simon, 2013). Tumore können zum einen selbst den Hustenreiz auslösen durch Raumforderungen in Bronchien, Lunge, Pleura oder Mediastinum sowie Lymphangiosis carcinomatosa und Pleuraergüsse. Zum anderen können die Ursachen mit dem Tumorleiden in Zusammenhang stehen, z.B. bei Kachexie oder als Folgen von Bestrahlung und Chemotherapie.
Ein nachlassender Schluckreflex bei fortgeschrittenen neurodegenerativen Erkrankungen z.B. Demenzformen, Parkinson kann zur Aspiration von Essen, Trinken und Speichel und in Folge zu Husten führen. Fortgeschrittene neuromuskuläre Erkrankungen, wie z.B. die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), gehen ebenfalls mit einer Hustenproblematik einher. Durch die nachlassende Muskelkraft ist es der betroffenen Person nicht mehr möglich, mittels Husten ausreichend Sekret zu eliminieren.
Ebenso haben fortschreitende Atemwegserkrankungen wie die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und die Lungenfibrose Husten als Leitsymptom. Aber auch die schwere Linksherzinsuffizienz geht mit Atemnot und nächtlichem Husten einher. Nicht selten sind ACE-Hemmer, z.B. Ramipril, bei Therapiebeginn oder im Laufe von Tagen und Wochen Auslöser von Reizhusten.
Zu den gastrologischen Auslösern zählt der Reflux von Magensäure (Gastroösophagealer Reflux GÖR). Er kann auch ohne das Gefühl von Sodbrennen den Hustenreiz triggern und wird bei Palliativpatientinnen und -patienten häufig als mögliche Ursache übersehen.
Infektionen der Atemwege mit Husten können eine...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 47 / 2020

Nicht alltägliche Symptome

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Praxis