Ulrike Höhmann

Gestaltungsspielräume im Beruf aktiv nutzen

Palliativ Pflegende sind gefordert, der Diskrepanz zwischen ihremBerufsethos und der Berufswirklichkeit professionell zu begegnen
Palliativ Pflegende sind gefordert, der Diskrepanz zwischen ihremBerufsethos und der Berufswirklichkeit professionell zu begegnen, Foto ©: Cinnapong | stock.adobe.com

Ulrike Höhmann|Christine Dunger

(In-)formelle Pflegerituale und Praxisreflexion

Der eigene Anspruch und die Berufswirklichkeit sind auch in der Palliativversorgung nicht immer deckungsgleich. Wie können Pflegende auf belastende Bedingungen und mögliche Diskrepanzerfahrungen eagieren? Wie lassen sich Arbeitsrituale und Routinen vermeiden, die Individualität minimieren? Der Beitrag zeigt drei aufeinander bezogene Stellschrauben auf, die Pflegende niederschwellig in ihren alltäglichen Arbeitssituationen nutzen können.

Der eigene Anspruch und die spezifische Fachlichkeit der Palliativpflege liegen darin, schwerstkranke, sterbende Patientinnen und Patienten sowie ihre Angehörigen so individuell wie eben möglich zu begleiten, Schmerzen zu lindern und Lebensperspektiven zu eröffnen auch dann, wenn die Zukunft nur noch sehr kurz ist. Ziel der Behandlung ist die Wahrung der Lebensqualität und der Menschenwürde egal ob zu Hause, im Pflegeheim, in einer Klinik oder im Hospiz (vgl. Flieder et al., 2006). Dazu existieren eine Fülle spezifischer Pflege-, Behandlungs-, Begleitungs- und Kommunikationskonzepte. Diese haben gemeinsam, dass sie die Pflegenden menschlich, fachlich und ethisch herausfordern und sich dabei an den inhaltlichen und zeitlichen Bedürfnissen der Erkrankten ausrichten, nicht an ökonomisch-rationalen Abläufen der Arbeitsorganisation. Palliativpflege lebt also von hochindividualisiert angewendeten Fachkonzepten und den darauf bezogenen Abläufen.
Umsetzungsgrenzen im Arbeitsalltag
Auch wenn es gerade in der Palliativpflege möglich ist, viel flexibler und damit näher am eigenen Berufsethos zu arbeiten als in vielen anderen Settings (Dunger, 2019), lohnt sich dennoch die Auseinandersetzung mit belastenden Diskrepanzerfahrungen. häufig berichten Pflegende in Studien von solchenErfahrungen (Schloeder, 2016; Vogd et al., 2017; Höhmann et al., 2018), d.h. von belastenden Situationen, in denen ihr professionelles Ethos und die eigene Fachlichkeit an Umsetzungsgrenzen im Arbeitsalltag stoßen. Dadurch haben sie das Gefühl, den von ihnen betreuten Menschen nicht gerecht werden zu können.
Arbeitsorganisation und Abrechnungsmöglichkeiten orientieren sich nicht an den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten, sondern führen ihr „Eigenleben. Es kommt dadurch im Laufe der Zeit zu (in-)formellen Routinen und Arbeitsritualen, die Individualität im Umgang oft nur unzureichend erlauben. Pflegende leiden darunter, ihr Stresserleben steigt, oft sinkt ihre Berufszufriedenheit, bis hin zu Burn-out und Kündigungen (Höhmann et al. 2016, 2018).
Spezifische Belastungen
Im palliativen Kontext lassen sich spezifische Belastungen identifizieren, die ebenfalls aus Umsetzungsgrenzen im Arbeitsalltag entstehen. Neben den Besonderheiten der oft intensiven aber gelegentlich sehr kurzzeitigen Beziehungsgestaltung am Lebensende, können gehäufte Todesfälle emotional herausfordernd sein und zeitlich-organisatorische Probleme mit sich bringen (Lan, 2004; Montag, 2014). Auch der eigene Anspruch kann zu Belastungen führen (Radbruch, 2014; Pfister, 2014), insbesondere bei ökonomisch begründetem Belegungsdruck (Lexa, 2013) und anderen externen Ansprüchen (Dunger, 2019).
Wie können Pflegende auf diese belastenden Bedingungen und mögliche Diskrepanzerfahrungen reagieren?
Gestaltungsspielraum erkennen und nutzen
Es gilt sich bewusst zu machen, dass sich aus begrenzenden Rahmenbedingungen, wie z.B. Abrechnungsvorgaben oder knappen Personalressourcen, keine automatischen Umsetzungsvorschriften ergeben, erst recht nicht solche, die im Spannungsverhältnis zu eigenen Werten stehen. Zwischen externen Rahmenbedingungen und einer konkreten Arbeitspraxis liegt eine Bandbreite von Entscheidungen, die aktiv gestaltet werden müssen. So können z.B. DRG-Pauschalen hausintern durchaus unterschiedlich aufgeteilt, oder mit knappem Personal auf einer Station durchaus unterschiedliche Formen der Arbeitsabläufe...
pflegen Palliativ
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

pflegen Palliativ abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: pflegen Palliativ Nr. 48 / 2020

Rituale

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: palliativ" Wissenschaft
  • Thema: Assessment
  • Autor/in: Ulrike Höhmann, Christine Dunger