Vom Dialog zum Trialog

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Zur Gefahr der eigenen Überschätzung

Vor nicht allzu langer Zeit war die Rolle der professionell Pflegenden in der geronto-psychiatrischen Versorgung häufig die der Erfüllungsgehilfen der Angehörigenwünsche, ohne Einbeziehung der demenzerkrankten Menschen selbst. Die großartige Entwicklung der gerontopsychiatrischen Pflege hin zu einem Trialog zwischen erkrankten Menschen, Angehörigen und professionell Pflegenden mit dem Demenzerkrankten im Zentrum der Auseinandersetzung wird leider oftmals durch pflegerische „Allmachtsfantasien unterlaufen, meint der Pflegewissenschaftler und pflegen: Demenz-Herausgeber Detlef Rüsing.

Wir müssen nicht wirklich darüber diskutieren, wie wichtig nahe Angehörige und Freunde hinsichtlich ihres Wissens und ihrer persönlichen Bindung für die professionelle Betreuung und Versorgung von Menschen mit einer Demenz-erkrankung sind. Jede Person, die dem erkrankten Menschen etwas in seinem Leben bedeutet und/oder bedeutet hat, ist für sie/ihn wichtig und damit auch wertvoll für die Versorgungs- und Betreuungssituation. Eine professionelle Versorgung unter bewusstem Ausschluss der Angehörigen und Freunde ist keine professionelle Versorgung!
Rückwärtsgewandte Biografiearbeit überwinden
Die Pflege von Menschen mit einer Demenzerkrankung war lange Zeit dadurch geprägt, dass ab Diagnosestellung Entscheidungen in erster Linie durch die Angehörigen der betroffenen Menschen gefällt wurden. Dies fing an bei der zu tragenden Kleidung und ging unter anderem bei der Auswahl von Beschäftigungsmöglichkeiten weiter, welche häufig – wenn überhaupt leider ausschließlich aus der Biografie und den Erzählungen der Angehörigen erschlossen wurden. Sie endete bei der Einflussnahme Angehöriger auf Beziehungen und neue Gewohnheiten des demenzerkrankten Menschen in einer Pflegeeinrichtung. Im Grunde wurden häufig sämtliche Entscheidungen, die das Leben der pflegebedürftigen Person betreffen, von Angehörigen bestimmt. Professionell Pflegende waren nicht selten „Erfüllungsgehilfen der Angehörigen. Den Menschen mit Demenz wurde aufgrund ihrer kognitiven Einschränkungen häufig grundsätzlich nicht zugetraut, Entscheidungen selbst zu treffen. Eine dramatische Auswirkung dieser Sichtweise war es, dass das Leben von Menschen mit einer Demenzerkrankung ein quasi ausschließlich rückwärtsgewandtes Leben war. So wurden z.B. Dinge, die der betroffene Mensch in früheren Zeiten nicht mochte, in der Gegenwart gar nicht erst angeboten. Dies lag natürlich nicht nur an den Erzählungen der Angehörigen, sondern vor allem an der Pflegekonzeption der Profis. Diese Konzeption war darauf ausgerichtet, das bisherige Leben und dessen Inhalte mithilfe der Expertise der Angehörigen „nachzubauen und sich allzu häufig nach Stereotypen zu richten. Beispielsweise bekam eine Person mit Demenz nur das Essen angeboten, von dem Angehörige oder Freunde sagten, dass er/sie dies auch früher gern mochte. Männer durften natürlich nur „typische Männersachen machen. So hatte man sich als Mann für Autos, Fußball und Skat zu interessieren, da man zum einen ein Mann war, und es zum anderen nicht vorstellbar war, dass demenzerkrankte Männer sich plötzlich nicht mehr für Fußball, sondern für das Singen oder das Anschauen von Ballett interessieren. Diese missverstandene Weise der so wichtigen Biografiearbeit, die durch professionell Pflegende gestützt wurde, führte dazu, dass die betroffenen Menschen keine Gegenwart oder ein gar zukunftsgewandtes Leben hatten, sondern ausschließlich in der Vergangenheit weiterlebten.
Weiterentwicklung der (gerontopsychiatrischen) Pflege
Im Laufe der letzten 20 Jahre wandelte sich dieses Bild. Das professionelle Selbstverständnis Pflegender entwickelte sich unter anderem über einen enormen Wissensgewinn durch Praxisberichte, durch Erfahrungen der demenzspezifischen Versorgungsforschung und vor allem auch über psychologische und pflegerische (pflegewissenschaftliche) Konzeptarbeit aus dem...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 54 / 2020

Angehörige

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis