Sorgende, Mitarbeitende und Betreuende

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Herausforderungen in der Entscheidungsfindung durch die zunehmende Verrechtlichung familiärer Beziehungen

Angehörige müssen durch geltendes Recht immer größere Verantwortung für ihre pflegebedürftigen Angehörigen übernehmen. Sie sollen Entscheidungen treffen, deren Reichweite sie nicht immer überblicken können. Pflegefachpersonen können an dieser Stelle durch die Gesundheitliche Vorausplanung unterstützend wirken. Prof. Dr. Martin W. Schnell, Direktor des Instituts für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen, beschreibt Konfliktpunkte und Szenarien, auf die pflegende Angehörige aufmerksam gemacht werden sollten.

Autonomie ist ein wichtiger Wert. Sie bedeutet die Selbstbestimmung der Person - erkennbar an einer Willensäußerung und entsprechenden Handlungen. Die Pflege hat es mit der Versorgung vulnerabler Personen zu tun, die pflegebedürftig sind, da sie akut und/oder chronisch krank und/oder behindert sind. Diese Vulnerabilität kann die Autonomie der Person beeinträchtigen (Schnell, 2017). Pflegebedürftigkeit kann, z.B. im Falle von Demenz, sogar Nichteinwilligungsfähigkeit beinhalten. Einwilligungsunfähig ist, wer Grund, Bedeutung und Tragweite einer Behandlung, z.B. durch einen Arzt, nicht beurteilen, nicht auf sich beziehen und ihr weder zustimmen noch sie abzulehnen vermag. Es stellt sich somit die Frage, wie die Autonomie einer Person, die einwilligungsunfähig ist, gewährleistet werden kann. Diese Frage stellt sich meist im Zuge eines Prozesses, in dem eine Person ihre Autonomie langsam einbüßt. Indem diese Frage mit den Mitteln des Sozialstaats beantwortet wird, gewinnt der Angehörige in der Rolle des Sorgenden, des Mitberatenden und des Betreuenden an Bedeutung. Gleichzeitig tritt die Funktion von Pflegenden und von Ärzten als Hüter der Autonomie einer Patientin oder eines Patienten in den Hintergrund.
Autonomie
Während man früher davon ausging, dass eine Person, die nicht autonom ist, da behindert oder krank, auch nicht als autonom behandelt werden soll, nimmt man heute an, dass auch vulnerable Personen als autonom gelten. Auch wenn jemand nicht in allen Bereichen seines Lebens selbstständig ist, kann er als autonom gelten. Sein und Geltung treten damit auseinander. In die damit entstehende Lücke tritt die Stellvertretung, die z.B. durch pflegende Angehörige oder eine gesetzliche Betreuung belegt werden kann. Die Stellvertretung soll die Autonomie auch für vulnerable Personen garantieren.
Stellvertretung kann Assistenz, gem. UN-Behindertenkonvention von 2006, bedeuten. Sie beginnt als fürsorgliche Stellvertretung zur Wahrung der Autonomie des anderen bereits durch die Unterstützung von Angehörigen. Stellvertretung ist ein Ausdruck spontaner Fürsorge. Ort der Fürsorge ist die Familie. Diese ist ein Sorgezusammenhang von Menschen, die miteinander verwandt sind, es aber nicht sein müssen. Diese Bedeutung der Familie ist in Gesellschaft und Staat anerkannt.
Entscheidungen zur Wahrung der Autonomie in der Familie sind allerdings komplex, da sie Wissen und Fertigkeiten erfordern, um das Beste für den Angehörigen festzulegen und dabei die Grenzen und Fähigkeiten der Familie richtig einzuschätzen (siehe Praxisbeispiel 1).
Praxisbeispiel 1: Sorge um die Selbstständigkeit

Praxisbeispiel 1: Sorge um die Selbstständigkeit
Einzug in ein stationäres Pflegeheim
Herr Mario Ganter* lebt im Haus seiner Kinder. Seit einem halben Jahr ist er pflegebedürftig. Einmal am Tag kommt der Pflegedienst zu ihm. In der übrigen Zeit wird er von seiner Familie versorgt. Da sich der allgemeine Zustand von Herrn Ganter zunehmend verschlechtert, beraten die Angehörigen zusammen mit ihm darüber, ob es gut wäre, wenn er in ein nahegelegenes Heim umzieht.
Stellvertretung durch Angehörige ist nicht nur ein Akt spontaner Fürsorge, sondern auch Teil gesellschaftlicher Gerechtigkeit (Sozialgesetzbuch, Betreuungsrecht), durch die die Aufgabe von Angehörigen anerkannt, unterstützt und geregelt wird.
Gesundh...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 54 / 2020

Angehörige

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz"