Plötzlich pflegende Angehörige

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Zum Umgang mit der Diagnose Demenz

Wer sind pflegende Angehörige? Warum ist die Pflege von Menschen mit Demenz so belastend? Was erschwert den Alltag und was stärkt ihn? Die Leiterin des bundesweiten Alzheimer-Telefons, Helga Schneider-Schelte, gibt Antworten auf die gestellten Fragen und zeigt mit den Tagebucheinträgen von Imma C., wie aufgewühlt das Gefühlsleben von pflegenden Angehörigen sein kann.

Die Veränderungen beginnen schleichend. Mal wird ein Termin vergessen, dann wird immer häufiger die Brille gesucht, und die Post kommt ungeöffnet auf einen Stapel. Irgendwann ist nicht mehr zu übersehen, dass etwas nicht stimmt. Die Diagnose Demenz wird gestellt und plötzlich ist man pflegende Angehörige oder pflegender Angehöriger.
Wer sind pflegende Angehörige?
Wenn hier von „pflegenden Angehörigen die Rede ist, dann ist damit eine heterogene Gruppe gemeint. „Pflegende Angehörige ist ein Sammelbegriff für viele, sehr unterschiedliche, Menschen. Jede Person bringt ihre eigene Lebens- und Beziehungsgeschichte mit dem erkrankten Menschen mit, und jede ist in einer anderen Lebenssituation, wenn die Krankheit bei einem Familienangehörigen auftritt. Pflegende Angehörige sind z.B.
  • Ehegattin oder Ehegatte
  • Lebenspartnerin oder Lebenspartner
  • Geschwister
  • (Schwieger-)Tochter oder (Schwieger-)Sohn
  • Enkelin oder Enkel
Manchmal sind es aber auch Eltern, wenn z.B. eine Behinderung bei ihrem Kind vorliegt oder eine Krankheit mit anschließendem Pflegebedarf sehr früh eintritt.
Ob Pflege gelingt, hängt auch davon ab, welche Geschichte Angehörige mitbringen und über welche Ressourcen sie verfügen: Sind sie z.B. Ehepartnerin oder Ehepartner, die selbst schon betagt sind und deren Gesundheitszustand vielleicht bereits angegriffen ist? Oder sind es Mitvierziger, die kleine Kinder haben, um die sie sich sorgen und die sich nun in einer „Sandwichposition wiederfinden? Oder stehen sie vor der Aufgabe, Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren? Manchmal sind pflegende Angehörige auch minderjährig. Sie sind noch Kinder und übernehmen trotzdem Pflegeaufgaben. Sie wollen ihre Eltern entlasten, weil sie wahrnehmen, dass diese durch die Pflege überfordert sind, und sie haben Angst um sie.
Pflege in vertrauter Umgebung
Laut Statistischem Bundesamt (2018) sind etwa 3,4 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig im Sinne des Sozialgesetzbuchs. Davon werden 76 Prozent ambulant in den eigenen vier Wänden versorgt dies entspricht auch dem Wunsch vieler Pflegebedürftiger, möglichst lange in der vertrauten häuslichen Umgebung zu bleiben. 51,7 Prozent aller Pflegebedürftigen werden ausschließlich von ihren Angehörigen versorgt, und eine Person trägt die Hauptlast. Die restlichen 24,3 Prozent der zu Hause betreuten Personen werden entweder mit Unterstützung eines ambulanten Dienstes oder ausschließlich durch einen ambulanten Dienst versorgt (Statistisches Bundesamt, 2018).
Vereinbarkeit von Pflege und Beruf
Die hohe Bereitschaft Angehöriger, die Pflege zu übernehmen, ist bislang ungebrochen. Möglich ist dies auch, weil in zwei von drei Fällen Frauen bereit sind, insbesondere die zeitintensive Pflege zu übernehmen. Im BARMER-Pflegereport von 2018 ist beschrieben, dass Männer sich eher bei abgeschlossenen kleinen Diensten und Verrichtungen engagieren. Ausschlaggebend ist häufig die nach wie vor unterschiedliche Arbeitssituation: Bislang arbeiten viel mehr Frauen als Männer in Teilzeit, und Frauen verdienen in der Regel weniger. Tritt in der Familie ein Pflegefall ein, reduzieren meist die Frauen ihre Wochenarbeitszeit oder geben ihre Arbeit ganz auf mit teilweise schwerwiegenden finanziellen Einbußen für die eigene Alterssicherung.
Doch dies ändert sich aktuell. Immer mehr jüngere Frauen sind berufstätig. Sie übernehmen leitende Positionen, die sie nicht so leicht aufgeben können und wollen. Häufig folgt aus der heutigen Anforderung an Mobilität und Flexibilität von Berufstätigen, dass...
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Fakten zum Artikel
aus: pflegen Demenz Nr. 54 / 2020

Angehörige

Premium-Beitrag aus der Zeitschrift "pflegen: Demenz" Praxis