Markus Ruppert

Vormachen – Nachmachen ?!

Markus Ruppert

Analogiebildung mithilfe gelöster Aufgabenbeispiele

„Ganz ähnliche Aufgaben haben wir im Unterricht doch so oft geübt! Warum fällt die Klassenarbeit trotzdem so schlecht aus? Vermutlich ist auch Ihnen diese unbefriedigende Situation bekannt, in der die Korrektur einer Klassenarbeit das ernüchternde Ergebnis offenbart: Der gewünschte Transfer von Lern- und Übungsaufgaben zu den Testaufgaben gelingt nicht. Die Erwartungen an den Lern- und Verständnisfortschritt der Schülerinnen und Schüler und damit zusammenhängend an den eigenen Unterrichtserfolg werden enttäuscht.
Nicht zuletzt die hitzig geführte Diskussion um den Schwierigkeitsgrad des letzten Mathematikabiturs zeigt, dass gerade hierbei die Wahrnehmungen extrem unterschiedlich sein können. Einerseits werden in der Berichterstattung Abiturienten zitiert, die „während der Klausuren in der Oberstufe [] nie mit derartigen Aufgaben konfrontiert gewesen sein wollen und sich beschweren: „Wenn man das Niveau des Abiturs steigern will, kann man damit nicht in den Abschlussprüfungen damit beginnen, sondern auf dem Weg dahin.“ 1 Die Aufgabestellungen seien „aufgrund der Art, wie sie gestellt waren, verschnörkelt und unnötig kompliziert formuliert gewesen. Auf der anderen Seite kommentiert ein hochrangiger Verbandsfunktionär die Diskussion: „Die Schüler wurden von uns bestmöglich auf das Abitur vorbereitet und wird dabei von Schulleitern, Mitarbeitern der Kultusministerien und Fachgruppenleitern der Lehrerverbände in seiner Auffassung über den Schwierigkeitsgrad unterstützt: „Viele Kollegen vor Ort teilen die Einschätzung, dass es insgesamt eine sehr faire Aufgabenstellung war. Insofern sind wir überrascht, dass es jetzt eine solche Reaktion gibt.“ 2
Auf der Suche nach den Ursachen dieser Diskrepanz sind die Interpretationsmöglichkeiten vielfältig. Folgt man den Argumenten der Schülerinnen und Schüler, so hat das Nichtzustandekommen des notwendigen Transfers seine Ursache in der zu großen Transferdistanz: Die Ähnlichkeit einer Testaufgabe zu vorangegangenen Übungsaufgaben konnte aus verschiedenen Gründen nicht erkannt werden (ungewöhnliche Aufgabenstellung, hoher Textanteil, usw.).
Allerdings hängt diese Einschätzung auch von den jeweiligen individuellen Dispositionen ab (kognitive Entwicklung, individuelles Vorwissen, metakognitive Kompetenz usw.). Der Transfer gelingt also auch dann nicht, wenn zwar die Nähe der Testaufgabe zu vorangegangenen Übungsaufgaben erkannt wird, die Lösung der Übungen aber nicht auf das Testproblem übertragen werden kann, weil z.B. die Belastung des Arbeitsgedächtnisses, etwa durch das Abarbeiten von Standardroutinen, bereits zu groß war.
Von Lernenden wird allerdings erwartet, in neuen Problemen und Aufgaben bekannte Strukturen zu erkennen und damit verknüpftes Wissen zu aktivieren. Lösungsstrategien und Vorgehensweisen, die in ähnlichen Situationen bereits erfolgreich zur Anwendung kamen, sollen dabei abgerufen und daraufhin untersucht werden, ob sie auch in der neuen Situation erfolgversprechend erscheinen. Sie sollen gegebenenfalls flexibel angepasst werden, um auch die neue Situation einer Lösung zuzuführen. Diese Fähigkeit muss nicht zuletzt im Rahmen von Leistungserhebungen jeglicher Art in verschiedenen Anforderungsbereichen unter Beweis gestellt werden, um den geforderten Bildungsstandards zu genügen.
Diagnostische Fragen
Will man die Ursachen gescheiterten Transfers ergründen, müssen aus diagnostischer Sicht folgende Fragen beantwortet werden:
  • Greifen Schülerinnen und Schüler beim Lösen von Testaufgaben überhaupt auf vorher gelöste Übungsbeispiele zu? Wenn ja, wie greifen sie auf die Übungsbeispiele zu?
  • Versuchen sie, systematisch Analogien zu finden und zu nutzen?
  • Unter welchen Umständen kommt es zur Übertragung mathematischer Handlungsstrategien?
  • Wodurch zeichnen sich erfolgreiche Analogiebildungsprozesse aus?
  • An welcher Stelle scheitern Analogiebildungsprozesse gegebenenfalls?
...
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Fakten zum Artikel
aus: Mathematik lehren Nr. 218 / 2020

Transfer

Unterricht (45-90 Min) Schuljahr 7-9