SEBASTIAN KOLLHOFF, RUDOLF VOM HOFE

Transferprozesse anregen

SEBASTIAN KOLLHOFF, RUDOLF VOM HOFE

Wissen übertragen und entwickeln

Reproduktion, Reorganisation und Transfer in diesen drei Stufen sind Lernprozesse häufig organisiert. Doch was bedeutet Transfer genau? Und wie kann das Übertragen und Entwickeln von Wissen gelingen?

Eigentlich ist der Begriff „Transfer aus dem Schulalltag nicht wegzudenken: Im Unterricht soll schließlich nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt werden. In einem kompetenzorientierten Unterricht sollen die Lernenden kein isoliertes Faktenwissen erwerben, sondern allgemeine Prinzipien verstehen und Denkweisen entwickeln, die ihnen einen Zugang zum gesellschaftlichen, kulturellen und beruflichen Leben nach der Schule eröffnen. Kurz: Das Schulwissen soll angewendet werden.
Ungeachtet dieser hohen Stellung von Transfer im (Mathematik-)Unterricht lautet eine unter Lehrerinnen und Lehrern weit verbreitete Annahme, Transfer sei nur von den besten Schülerinnen und Schülern zu erreichen und bleibe in den meisten Fällen aus. In der Tat zeigen auch viele Forschungsergebnisse aus über einem Jahrhundert pädagogischer Psychologie ähnliche Befunde. Einige Forscher bezweifeln gar, dass es Transfer überhaupt gibt (z.B. Dettermann 1993). Diese Perspektive von Transfer gründet jedoch auf einem sehr begrenzten Begriffsverständnis, das Transfer als Produkt des Lernens interpretiert: dem Lösen von (Transfer-)Aufgaben in Leistungstests.
Transfer als Prozess verstehen und fördern
Die Bedeutung von Transfer beschränkt sich nicht nur auf ein Lernen fürs Leben oder auf das erfolgreiche Bearbeiten fortgeschrittener und komplexer Aufgaben. Auch im alltäglichen Mathematikunterricht ist es notwendig, vorhandenes Wissen auf neue Inhalte anzuwenden, um neue Begriffsaspekte und Eigenschaften mathematischer Objekte zu erkunden, Rechenverfahren weiterzuentwickeln (wie beim Rechnen mit Dezimalzahlen), Strategien zu übertragen und allgemein das vorhandene mathematische Wissen zu erweitern und Zusammenhänge herzustellen. Aus dieser Sicht ist Transfer kein Produkt, sondern ein Prozess des Lernens in einer langfristigen und fortgesetzten Lernentwicklung.
Dieser Beitrag zeigt auf Grundlage eines solchen prozessbezogenen Transferverständnisses, wie „Transferprozesse im Unterricht angebahnt und unterstützt werden können.
Eine Begriffsklärung: Lerntransfer, Wissenstransfer usw.
In der Literatur finden sich viele unterschiedliche Begriffsdefinitionen, die verschiedene Wirkungsmechanismen und Qualitäten von Transfer beschreiben. So betont der verbreitete Begriff Lerntransfer, dass Teilprozesse des Lernens übertragen werden (wie etwa Lernstrategien und Methoden). Der Begriff Wissenstransfer legt nahe, dass Wissen als Produkt (z.B. Fakten oder Rechenverfahren) Gegenstand des Transfers ist. Eine Übersicht über ausgewählte Transferbegriffe haben wir in Tabelle 1 dargestellt.
Eine breit akzeptierte Definition beschreibt Transfer als „die erfolgreiche Anwendung angeeigneten Wissens bzw. erworbener Fertigkeiten im Rahmen einer neuen, in der Situation der Wissens- bzw. Fertigkeitsaneignung noch nicht vorgekommenen Anforderung (Mähler/Stern 2010). Die Zustimmung zu dieser Definition steht in einem engen Zusammenhang mit dem Einsatz von Transferaufgaben zur Leistungsmessung und -überprüfung, z.B. bei Klassenarbeiten oder bei Tests in der Experimental- und Instruktionspsychologie. Auf Grundlage des Bearbeitungserfolgs werden Rückschlüsse auf die Kompetenzen der Lernenden gezogen. Gelingt es, zuvor erworbenes Wissen in „neuen Anforderungssituationen anzuwenden, wird dies als ein Lernerfolg interpretiert. Gelingt diese nicht bzw. bleibt ein Transfer auf neue Anforderungssituationen aus, so wird dies als Anzeichen für einen unzureichenden Lernerfolg angesehen. Transfer wird somit als Maß des Lernerfolgs betrachtet.
Obgleich dieses produkthafte Verständnis von Transfer zweifelsohne Vorteile in der Kompetenzmessung hat, so schränkt es doch die...
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Fakten zum Artikel
aus: Mathematik lehren Nr. 218 / 2020

Transfer

Methode & Didaktik Schuljahr 5-13