Pädagogik und Neurowissenschaft

Filmtipp: Die Schule von morgen

Die schulische Bildung ist in einem stetigen Wandel – wie unsere Gesellschaft als Ganzes. Altbewährte und innovative Unterrichtsmodelle werden mittlerweile auch von Neuropsychologen ausgewertet. Wie entwickeln sich Lernen und Schule? Eine Arte-Dokumentation trägt Erkenntnisse aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen zusammen. Gewinnen Sie Eindrücke vom Mathematikunterricht in anderen Ländern.

Laptop mit Aufschrift (N)ever (s)top Learning
Wer sich fortbildet, kann besser unterrichten: (N)ever (s)top Learning Foto: geralt/Pixabay CC0 Creative Commons

Kennen Sie die Singapur-Methode? Weniger Lehren, mehr Lernen lautet das Prinzip, das Ban Har Yeap, Ausbilder am Marshall Cavendish Institute in Singapur im ersten Teil der Arte-Dokumentation "Die Schule von morgen" vorstellt. Diese Folge gibt punktuelle Einblicke in Schulkonzepte und innovative Modelle erfolgreicher PISA-Länder (Singapur, Finnland, Frankreich und die USA). Neue Methoden, die digitale Medien ebenso nutzen wie etablierte Kenntnisse aus der Pädagogik und Neuropsychologie werden gut nachvollziehbar erläutert. In Szenen aus dem Unterricht und direkten Statements werden Vor- und Nachteile, Sorgen und Hoffnungen von Schülern und Lehrern, Eltern und Forschenden angesprochen. Die zweite Folge geht stärker auf Erkenntnisse der Hirnforschung ein. Aus dem Wissen um die Funktionsweise des Gehirns werden unter anderem für das Lernen zentrale Faktoren abgeleitet: Aufmerksamkeit (und Trainingsmodelle dazu), aktive Beteiligung (wird gefördert durch Entdeckendes Lernen bzw. Erforschen und Experimentierens) sowie das Lernen aus Fehlern (führt zu einer Neuverknüpfung der neuronalen Netze) und das Festigen durch Wiederholung.

Die beiden Dokumentarfilme (je 53 Min.) sind informativ, ausgewogen und gut verständlich. Sie zeigen Bildungssysteme in unterschiedlichen Gesellschaften und lassen Raum für eigene Reflexionen und Diskussionen: Was ist mir in meinem Unterricht, was ist unserer Fachgruppe und unserer Schule, den Jugendlichen und ihren Eltern wichtig? Wie möchten wir unseren (Mathematik-)Unterricht weiterentwickeln? Wie das Zusammenleben in der Schule gestalten?

Zeitschrift
mathematik lehren Nr. 203/2017 Explorieren

Setzen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern die Forscherbrille auf und geben Sie ihnen reichhaltige und zugleich leicht zugängliche mathematische Fragen an die Hand.

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Impulse für den Mathematikunterricht

  • Aufbauend auf den Erkenntnissen von Jérôme Bruner und Jean Piaget wurde in Singapur ein Unterrichtskonzept für das Mathematiklernen entwickelt, das sich im Grunde auch in unseren Klassenzimmern findet. Beim  Mathematiklernen geht es nicht ums Rechnen. Es geht darum nachzudenken, und Probleme zu lösen, Zusammenhänge zu verstehen. Die Grundlage der Singapur-Methode sind das "Learning by doing" (Bruner) und die Erkenntnis, dass Kinder lernen Gespräche lernen und zum Lernen eine Verarbeitungszeit brauchen („drängt Kinder nicht, sondern begleitet sie“, Piaget). Die Lehrperson soll eine Aufgabe stellen (nicht mehrere) und dann 20 Min. Zeit geben. Die Kinder können in Gruppen über die Aufgabe sprechen, erst dann wird sie unter Anleitung der Lehrperson gelöst. Bei uns hat sich das als "Ich-Du-Wir"-Methode (Think-Pair-Share) etabliert.  
  • Auch in Finnland und Frankreich setzt man stärker auf aktive Lernmethoden. Es wird viel Wert auf Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gelegt. Die Lernprozesse der Schüler stehen im Mittelpunkt (statt Lehrmethoden). Kinder sind in der Schule erfolgreich, wenn sie „positiv diskriminiert“ werden im Sinne einer stärkenorientierten Pädagogik. Hier kann man über Fächergrenzen hinaus denken: Welche Stärke hilft dir, beim Fußball zu gewinnen? Und wie kannst du diese Stärke nutzen, um in Mathematik besser zu werden? 
  • Der Neuropsychologe Stansilas Dehaene (Professor am Collège de France Saclay) empfiehlt einen ständigen Wechsel von expliziten Lernzeiten und anschließenden Testphasen, denn direkte Tests geben ein sofortiges Feedback: Was kann ich schon, was muss ich noch besser verstehen bzw. wiederholen? 

Die Lehrer von morgen sehen sich denselben Aufgaben gegenüber, wie die Lehrer von heute: Inhalte vorstrukturieren, Lernprozesse anregen und begleiten, Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern. Im Unterricht lenken sie die Aufmerksamkeit der Lernenden auf die Ebene, die der jeweilige Lernprozess erfordert. Sie arbeiten zentrale Ideen heraus, geben Feedback und Unterstützung. Dabei gibt es zunehmend digitale Hilfsmittel, deren Nutzen und auch Grenzen in der Dokumentation anklingen.

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