Reinhold Haug, Markus A. Helmerich

Lernbegleitung in offenen Unterrichtssituationen

Reinhold Haug, Markus A. Helmerich

Inzwischen gibt es viele innovative Lehrwerke, Lernumgebungen, selbstdifferenzierende Aufgabenstellungen, produktive Übungen und Materialien für den Unterricht, die auf ein offenes, aktiv-entdeckendes Lernen bauen, aber nur einen groben strukturellen Rahmen für die Arbeit und das Lernen mit diesen offenen Aufgabenformaten bieten. Eine konkrete Hilfestellung, wie Lehrkräfte in den einzelnen Phasen (Einführungs-, Erarbeitungs- und Plenumsphasen) zielorientiert und trotzdem offen, unterstützend aber nicht vorwegnehmend beraten und intervenieren können, gibt es bisher nicht.
Beispiel: Valentin und die Dreieckszahlen
Valentin beschäftigt sich in der sechsten Klasse mit einer Entdecker-Aufgabe. Es geht darum herauszufinden, aus wie vielen Steinen die dreißigste Dreieckszahl besteht (Abb. 1 ) und wie diese Anzahl mit einer allgemeingültigen Formel berechnet werden kann. Dafür zeichnet Valentin zu Beginn verschiedene Dreieckszahlen mit Punkten auf ein Blatt Papier (ikonische Ebene). Anschließend nimmt er verschiedene Umsortierungsstrategien in Angriff und versucht, mit der jeweiligen Anzahl der Punkte ein Rechteckmuster zu bilden. Nach ca. zehn Minuten wendet er sich an seine Fachlehrerin, da er mit seiner zentralen Idee nicht mehr weiter kommt.
Aus sozio-kultureller Perspektive (vgl. Vygotsky 1978) geht es nun darum, dass die Lehrerin Valentin die Möglichkeit bietet, die „Zone der nächsten Entwicklungsstufe mit Hilfe von Lehrerimpulsen zu erreichen. Dabei stehen nicht das Erklären und Antworten (Musterlösungen der Lehrkraft) im Mittelpunkt der Lernprozesse, sondern die richtigen Impulsfragen (an die Lernenden). Leitend bei dieser Art von Lernbegleitung ist das Entwickeln eines gemeinsamen Verständnisses über die Lerninhalte, Lernziele und die dafür notwendigen Lernprozesse. Ist dies der Fall, profitieren die Lernenden in der sozialen Kooperation auf eine ganz neue Art und Weise von ihrem Gegenüber.
Didaktische Reaktion
Situationen, in denen Lernende an einer Aufgabenstellung sitzen und nicht mehr weiter wissen, sind oft Schlüsselmomente, in denen sich entscheidet, wie die nachfolgenden Lernprozesse und somit auch der Lernzuwachs verlaufen.
Für Lernende, die allein, zu zweit oder in der Gruppe arbeiten, besteht prinzipiell bei einer schwierigen Situation die Möglichkeit, sich eine Hilfe einzuholen. Dies kann zum Beispiel eine fachliche (kognitive Ebene), eine strategische (metakognitive Ebene) oder eine motivationale Hilfestellung (motivational-emotionale Ebene) durch eine Mitschülerin oder einen Mitschüler sein. Arbeiten zwei oder mehr Schülerinnen und Schüler zusammen etwa in einer freien Arbeitsphase , dann liegt dieser Interaktion normalerweise keine Planung zu Grunde.
Begegnen die Lernenden in diesem Schlüsselmoment jedoch einer ausgebildeten Fachkraft, kann diese (entsprechend der Situation) entscheiden, auf welcher Ebene sie eine Rückmeldung geben möchte. Diese Art der Interaktion wird in der didaktischen Literatur manchmal mit dem Begriff der Lernbegleitung, dem der Lernberatung oder dem des Lerncoaching beschrieben (vgl. Schnebel 2014).
Begriffsklärung
Lernbegleitung wird in der theoretischen und praktischen Literatur (vgl. Seidel 2011, Dalehefte 2007) als aktive Anregung innerhalb des Unterrichts betrachtet. Dabei spielen Lehrerimpulse und Impulsfragen eine wichtige Rolle. Sie implizieren Vorschläge und Anregungen zur Weiterarbeit auf verschiedenen Ebenen. Ziel ist es, dass Lernende neues Wissen kognitiv aktivieren, sich emotional motivieren oder metakognitiv besser strukturieren können.
Der Begriff Lernberatung fokussiert in der Erwachsenenbildung (vgl. Ludwig 2012) eher die langfristige Begleitung der Lern- und Bildungsprozesse, während er im Unterrichtskontext synonym zu Lernbegleitung verwendet wird (vgl. Bräu 2007). Die Begrifflichkeit Lerncoach wiederum umfasst eine weitgefasste Perspektive in einem selbstgesteuerten...

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Fakten zum Artikel
aus: Mathematik lehren Nr. 200 / 2017

Mathematik auf den Punkt bringen: Reduktion

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