ÜBEN INTERAKTIV UND MULTIMEDIAL

Kleines Tool mit großer Wirkung: LearningApps

Ob beim Busfahren, in der Stadt, in einem Lokal oder zu Hause: Viele Jugendliche zücken beim kleinsten Leerlauf das Handy, lesen schnell eine Nachricht, schauen ins Internet oder spielen etwas. Gegen die ständige Internetpräsenz anzukämpfen, erscheint zwecklos: Die bunte, digitale Welt ist zu verlockend und leicht verfügbar. Nutzen wir also die digitalen Möglichkeiten und ihren Reiz und verleiten sie spielerisch zum Üben von Mathematik.

Laptop mit LearningApps auf dem Bildschirm
Mit LearningApps interaktive und multimediale Übungsformate ganz einfach selbst erstellen.

Die positive Einstellung der Jugendlichen zu den digitalen Medien kann den Einstieg in die Beschäftigung mit Mathematik erleichtern. Obwohl im Internet unzählige Seiten – darunter auch gute – zum Üben von Mathematik angeboten werden, findet man selten etwas wirklich Passendes: Die Aufgaben sind entweder zu leicht oder zu schwer, das Layout der Seite zu langweilig oder zu reizüberladen. Oder die Aufgaben sind zwar gut, passen jedoch nicht zum aktuellen Lernstand der Schülerinnen und Schüler. Oft habe ich das Gefühl, viel zu viel Zeit mit der Recherche zu verbringen ohne etwas wirklich Geeignetes zu finden. So war ich wirklich erfreut, als ein Kollege mich auf das Angebot LearningApps.org aufmerksam gemacht hat mit der Empfehlung: „Da kannst du Aufgaben schnell und individuell für deine Schüler gestalten.“ Nun, nach einigen Jahren Erprobung kann ich sagen: Er hat Recht behalten.

Was ist „LearningApps.org“?

LearningApps.org ist eine Internetanwendung, mit der interaktive Übungen erstellt werden können. Es stehen zahlreiche Übungsarten, wie Zuordnungen, Mulitple-Choice, Lückentext oder Kreuzworträtsel zur Verfügung, die nur noch mit passenden Inhalten individuell gefüllt werden müssen. Die so erstellten Übungen werden als App gespeichert und sind an allen internetfähigen Geräten nutzbar, ob interaktives Whiteboard, Rechner, Tablet oder
Smartphone. LearningApps.org ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes unter der Leitung von Dr. Michael Hielscher (PH Bern) in Kooperation mit der Universität Mainz und der Hochschule Zittau/Görlitz. Die Benutzung ist kostenlos und vorhandene Apps können ohne Registrierung gesucht und benutzt werden. Eine Registrierung und Anmeldung ist notwendig, wenn Sie selber Apps erstellen und speichern möchten bzw. wenn Sie weitere Dienste nutzen möchten, zum Beispiel über „meine Klassen“ eine Klasse anlegen und für diese Apps bereitstellen.

Zeitschrift
mathematik lehren Nr. 215/2019 Mathe digital: Apps & Co

Apps sind ein Erfolg, weil sie schnell, überall verfügbar, leicht in der Handhabung sind und einfach funktionieren. Und genau das sind Attribute, die dem Computereinsatz in Mathematikunterricht bisher nicht zugeschrieben wurden. Warum nutzen wir das in der Schule nicht auch?

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So lernt man mit LearningApps

Die Übungen wirken wie kleine Computerspiele, bei denen geklickt, geschoben und gewonnen werden kann. Eine unmittelbare Rückmeldung gibt Bestätigung – oder die Möglichkeit der Verbesserung. Das Unpersönliche eines Computers ist an dieser Stelle von Vorteil. Bei einigen Apps können auch mehrere Spieler miteinander spielen – und darüber auch ins Gespräch kommen. Dass eine angstfreie Atmosphäre, spielerische Zugänge, unmittelbares Feedback und auch fachliche Diskussionen der Lernenden untereinander (peer-tutoring) lernfördernd sind, wissen wir aus eigener Erfahrung schon lange. Die Unterrichtsforschung und die Publikationen der letzten Jahrzehnte (wie etwa die oft zitierte Hattie-Studie) bestätigen diese Erfahrungen.

Neben den mathematischen Kenntnissen werden auch andere Fähigkeiten benötigt: Wie rufe ich die Seite auf, wie bediene ich die App, wo muss ich jetzt klicken … Mit dem Beamer lässt sich eine App und deren Bedienung gut im Unterricht vorstellen. Zudem eignen sich einige Apps auch, um sie gemeinsam in der Klasse zu bearbeiten – dabei ergeben sich oft anregende Diskussionen. 

App-Formate zum Ordnen und Zuordnen

Gruppen-Puzzle

Ein Würfel oder ein Quadrat, ein Rechteck oder ein Quader, ein Kreis oder eine Kugel – je nachdem, welchen Wert in der Grundschule bzw. in der häuslichen Umgebung auf die Unterscheidung dieser Begriffe gelegt wurde, werden sie spontan oft falsch verwendet – auch dann, wenn sie im Unterricht schon thematisiert und geklärt wurden. In der App „Körper oder Figur“ klickt man nacheinander auf die Puzzle-Teile, deren Begriff zur ausgewählten Gruppe (angeklickter Reiter oben bzw. unten) gehört. Ein Wechsel zwischen der beiden Gruppen (also „Körper“ oder „Figuren“) ist jederzeit durch Anklicken im oberen Reiter möglich. Wird ein Begriff richtig zugeordnet, erscheint darunter ein Stück des dahinterliegenden Bildes. 

Zuordnungsgitter 

Als meine Schülerinnen und Schülern in der 6. Klasse nicht mehr wussten, dass 1/5 genau so viel wie 20 % sind (die Sommerferien schienen alle Erinnerungen an der Mathematikunterricht der 5. Klasse ausgelöscht zu haben), habe ich das Thema in unseren täglichen kleinen Übungen aufgegriffen. Einige Monate später standen wir wieder vor dem gleichen Problem – diesmal waren es allerdings nur eine Handvoll Lernende, die einer Wiederholung bedurften. So stellte ich die App „Brüche in Prozente umwandeln“ zur freiwilligen Bearbeitung bereit. Hier geht es ein Stück weit um das Auswendiglernen – die Schülerinnen und Schüler können die App so oft benutzen, bis sie die Zahlenpaare einander fehlerfrei zuordnen können.

Zuordnung auf Bildern

Dieses Format eignet sich besonders, um Darstellungswechsel zu üben. So können bei der App „Besondere Punkte einer Funktion“ ausgewählten Punkten eines Funktionsgraphen die passenden Begriffe und Eigenschaften zugeordnet werden – auch Oberstufenschüler spielen gern. Beim Anklicken einer Nadel erscheint das passende Auswahlfenster. Hier verbergen sich hinter roten Nadel die Bezeichnung der Punkte (abgekürzt), hinter einer blauen Nadel Aussagen über den  Funktionsgraphen, hinter einer grünen Nadel Ausagen zur ersten Ableitung und hinter einer gelben Nadel Aussagen zur zweiten Ableitung.

Gemeinsam spielen: Apps für mehrere Spieler

Wenn mehrere Personen gleichzeitig eine App aufrufen, können sie gegeneinander spielen. Ist kein Gegenspieler vorhanden, wird gegen den Computer gespielt. Bei dem Format Wo liegt was? werden Fragen gestellt, die durch markieren (= anklicken) einer Position im Bild beantwortet werden. Wählt man als Hintergrundbild einen Funktionsgraphen, kann man die Lage spezieller Punkte abfragen. Ein Beispiel ist die App „Koordinaten markieren“ von Raphael Fisch. Man kann allein oder zu mehreren spielen. Die App zählt die Punkte der einzelnen Spieler und ermittelt den Gewinner. Bei diesem Spiel geht es auch um ein Geschwindigkeitstraining – Grundwissen soll nicht nur sicher, sondern auch schnell verfügbar sein.

Apps finden und erstellen

Bevor Sie sich unnötige Arbeit machen, ist es sinnvoll, die vorhandenen Apps zu durchstöbern – vielleicht hat jemand schon etwas Passendes erstellt. Dies kann besonders bei Aufgaben für die jüngeren Jahrgänge
der Fall sein, hier steht eine recht große Auswahl zur Verfügung. Bei den Kategorien Mathematik auswählen, und es erscheint eine thematische Sortierung der Apps; rechts gibt es einen Filter zur Einschränkung auf die Sekundarstufe. Wenn Sie selber Apps bearbeiten oder erstellen möchten, müssen Sie sich registrieren und dazu einen Benutzernamen, eine E-Mailadresse und ein Passwort eingeben. Danach ist das Anmelden und Arbeiten sofort möglich.

Vorhandene Apps verändern

Wenn Sie eine App gefunden haben, die Ihnen bis auf wenige Kleinigkeiten gefällt, können sie diese verändern. So können Sie Zahlenbereiche oder Aufgabenstellungen Ihren Bedürfnissen anpassen. Links unter jeder App finden Sie einen Button „ähnliche App erstellen“, der Ihnen erlaubt, die aufgerufene App zu bearbeiten und unter einem neuen Namen zu speichern. 

Eigene Apps erstellen

Um eine eigene App zu erstellen, melden Sie sich auf learningApps.org an. Die Erstellung ist einfach, schnell und selbsterklärend: Nach Klick auf den Button „App erstellen“ können Sie ein Aufgabenformat auswählen und sich bei Interesse Beispiele dazu anschauen. Entscheiden Sie sich für „… erstellen“, erscheint eine übersichtlich strukturierte Maske, in die Sie hineinarbeiten können. Nachdem Sie sich dann die Vorschau der App angeschaut haben, können Sie ggf. die notwendigen Korrekturen vornehmen und die App speichern. 

Es wird zeitaufwendiger, wenn Sie Bilder, Videos oder Audioaufnahmen nutzen möchten, da diese erst separat erstellt und dann eingebunden werden müssen. Bei Bildern lohnt es sich zu experimentieren, bis die optimale Bildgröße gefunden wird. Mathematische Formeln erstelle ich mit dem Formeleditor meines Textverarbeitungsprogramms und „fotografiere“ die passenden Bereiche mit einem Screenshot-Programm ab.

Die App wird als private App erstellt – das heißt, sie wird nicht bei „Apps durchstöbern“ angeboten. Es können nur die Personen die App finden, denen Sie die entsprechende URL mitgeteilt haben. Wenn Sie die App
veröffentlichen, steht sie allen Benutzern der Seite zur Verfügung.

Apps zur Verfügung stellen

Unter jeder App stehen zwei Links, ein Einbettungscode und ein QR-Code. Sie können einen der Links den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellen, oder Sie drucken den QR-Code unter der App auf ein Arbeitsblatt. Mit dem Einbettungscode können Sie die App in Internetseiten (z. B. bei Moodle) einbinden. Medienprofis benutzen die Datei in SCROM-Format oder fügen die Apps in iBooks ein. Anstatt die URLs jeder App einzeln weiterzugeben kann man mehrere Apps zu einer App-Matrix zusammenstellen (App erstellen -> Werkzeuge -> App Matrix) und nur einen Link weitergeben. Ich lege für jede meiner Klassen am Anfang des Schuljahres eine App-Matrix an, die ich kontinuierlich ergänze bzw. nicht mehr benötigte Apps lösche. Ein Beispiel für eine App-Matrix mit den Apps zu diesem Beitrag finden Sie hier

Erfahrungen mit den Apps

Die Einsatzgebiete der Apps sind vielfältig – je nachdem, mit welchen Aufgaben die Formate gefüllt werden, können die Schülerinnen und Schüler 

  • Grundwissen zu jeder Zeit wiederholen
  • Fachausdrücke kategorisieren
  • ihre Ausdrucksweise schulen und mathematische Aussagen bilden (Sprachförderung)
  • Darstellungsformen miteinander verbinden
  • Gemeinsam spielen und dabei auch über Mathematik ins Gespräch kommen
  • evtl. auch Ergebnisse sichern und im Form einer App präsentieren.

Es lohnt sich, die Apps mit anderen Unterrichtsgegenständen, wie konkreten Schulbuchaufgaben oder handlungsorientierten Übungen, in Zusammenhang zu bringen. Oder Sie verlangen nach der Übung eine zusätzliche Erklärung, etwa

  • Löse die Aufgaben im AppBrüche in Prozente umwandeln“. Erkläre anschließend, wie man zu einem Bruch den passenden Prozentsatz berechnen kann. 

Eine gute Übung ist es, die Schülerinnen und Schüler ein App „begutachten“ zu lassen:

  • Wie hat dir diese App gefallen?
  • Was hast du dabei gelernt?
  • Wie würdest du die App verändern?

Das geht auch: Arbeitsauftrag fürs Heft  

Mit LearningApps konnte ich viele Schülerinnen und Schüler zum Üben motivieren. Bei Jüngeren reichte schon der Hinweis „Nun habt ihr einen Grund, den Rechner oder das Tablet eurer Eltern auszuleihen …“, Lernende der
Mittelstufe musste ich manchmal sanft überreden. Meistens blieb das Lernen mit LearningApps eine willkommene, freiwillige Alternative zum Schulbuch und Heft. Bei Apps, deren Bearbeitung mir wichtig ist, habe ich die letzte Rückmeldung der App mit einer Arbeitsauftrag für das Heft ergänzt, wie z. B.: „Prima gelöst! Zeichne nun ein Parallelogramm, das rechte Winkeln hat, ins Heft. Zu welchen Gruppen der Vierecke gehört diese Figur?“ 

Das mit den Apps geübte blieb den Schülerinnen und Schülern besser in Gedächtnis als traditionelle Übungen. Das liegt meiner Meinung nach nicht allein an der Neuheit des Tools, sondern an der Verbindung von Lernen
und dem spielerischen Umgang mit dem Rechner. Am meisten hat mich die Rückmeldung eines Oberstufenkurses gefreut: Die Schülerinnen und Schüler berichteten, diese kleinen Übungen hätten neben dem Behalten des Stoffes auch das Verstehen und Erkennen der Zusammenhänge erleichtert. 

Wie geht es weiter?

Nach einer angemessener Erprobungszeit ist es sinnvoll, die Arbeit systematisch anzugehen. Für meine Schule wünsche ich eine große Sammlung von Apps, zugeschnitten auf unsere Schülerschaft und passend zu unserem Schulbuch, die wir gemeinsam erstellt haben und nutzen können. Sie auch? 
Vielleicht kann es mit diesen Empfehlungen gelingen:

  1. Erstellen Sie einen gemeinsamen Zugang für Ihre Fachschaft, damit alle ihre erprobten Apps einander zur Verfügung stellen können.
  2. Legen Sie in diesem Bereich eine vorher gut überlegte Struktur an, damit Sie passende Apps schneller finden. Diese Struktur kann durch App-Matrix und durch systematisch vergebene Namen erreicht werden, z. B. ein App-Matrix 7-Prozentrechnung oder eine App mit dem Namen 11-Ableitung-Fachausdrücke.
  3. Verändern Sie vorhandenen Apps nach Ihren Bedürfnissen. Das geht schneller, als alles neu zu machen. 
  4. Viele Schülerinnen und Schüler erfinden gern selber kleine Aufgaben. Je nach technischer Versiertheit bietet sich ein Projekttag „LearningApps erstellen“ zur Einführung an. Eine Spielstunde mit selbsterstellten Apps kann die letzte Stunde vor den Ferien mit mathematischen Inhalten füllen.

Literatur

Der Beitrag erschien unter dem Titel "Kleines Tool mit großer Wirkung. LearningApps im Mathematikunterricht" in mathematik lehren, Heft 189 Digitale Medien nutzen. S. 20-24.

Fakten zum Artikel
Methode & Didaktik Schuljahr 5-13
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