Timo Richarz, Ulf Grebe

Rechenschwäche im Brennpunkt

Timo Richarz, Ulf Grebe

Früherkennung und Prävention in der gymnasialen Eingangsstufe

Unser Gymnasium ist eine Ganztagsschule und dem sogenannten „Standorttyp der Stufe 5 zugeordnet. Etwa 70% der Schülerinnen und Schüler haben Migrationshintergrund, viele wachsen in einem mehrsprachigen Umfeld auf. In NRW gilt das Elternwahlrecht, was in vielen Städten zu überfüllten Gesamtschulen und einem steigenden Anteil an Gymnasiasten ohne klare Gymnasialempfehlung führt. An unserer Schule hatten im vergangenen Schuljahr 26 Prozent der Schulanfänger eine eingeschränkte und 23 Prozent gar keine Gymnasialempfehlung. Dementsprechend wissen wir schon bei Schuljahresbeginn, dass die Lernvoraussetzungen bei den neuen Fünftklässlern sehr ungleich verteilt sind, auch in Mathematik. Manche Fünftklässler durchschauen mühelos die Logik unterschiedlicher Zahlensysteme, während andere am Kleinen Einmaleins scheitern. Es gibt auch Kinder, die eine Aufgabe wie 5 + 8 nur lösen können, indem sie heimlich acht Schritte weiterzählen. Unsere Schülerinnen und Schüler müssen also von völlig unterschiedlichen Stationen ihres Weges abgeholt werden.
Probleme mit dem Rechnen sind aber nur eine Baustelle unter vielen. Ein Kollege drückte es so aus: „Ich kämpfe in meiner Klasse mit so vielen Unzulänglichkeiten, dass ich bis zur Hälfte der Unterrichtszeit damit zubringe, Voraussetzungen zu schaffen: Disziplin, Führen von Listen, wer hat welches Material dabei? Es geht um Sprachkompetenz, Konzentrationsfähigkeit, Selbstorganisation, Lerntechniken, Sozialverhalten und noch mehr. Und unsere Schule ist der Ort, wo dies alles gelernt werden muss.
Mathe-Frust nicht einfach hinnehmen
Unter solchen Bedingungen ist jedem Lehrer, jeder Lehrerin klar, dass der Kernlehrplan nicht so einfach umgesetzt werden kann. Das erzeugt Frustrationen auf beiden Seiten! Wir leiden mit, wenn unsere Schülerinnen und Schüler das Fach als Qual erleben, wenn einfachste Zusammenhänge nicht in ihren Kopf wollen und wenn der Unterricht nicht vom Fleck kommt, weil die Voraussetzungen zum Weiterlernen nicht gegeben sind.
Doch was können wir tun? Wo genau behindern Verständnis- und Beherrschungslücken den Lernerfolg in der Sekundarstufe und wie können sie überwunden werden? Wo liegt die Grenze zur Störung, die außerschulisch behandelt werden muss („Rechenschwäche/Dyskalkulie)? Wie macht sich eine solche bemerkbar? Können Schülerinnen und Schüler trotz Schwierigkeiten an die aktuellen Lernaufgaben herangeführt werden? Und wie? Wer oder was hilft denen, die dem Unterricht praktisch nicht mehr folgen können?
Antworten sollte eine mehrteilige Fortbildung zum Thema „Rechenschwäche und mathematische Lernschwierigkeiten zu Beginn der Sekundarstufe geben, an der wir im Herbst/Winter 2015 als Fachschaft geschlossen teilnahmen1. Aus dieser Fortbildung erwuchsen nach und nach die im Folgenden dargestellten Ideen und Maßnahmen.
Mathematische Lernschwierigkeiten und Rechenschwäche
Schwierigkeiten mit der Mathematik sind nicht auf die sozialen Brennpunkte beschränkt. Sie kommen an allen Schultypen vor und in jeder Jahrgangsstufe. Unverständnis und mangelnde Beherrschung können bis ins Erwachsenalter reichen. Sie können die Schullaufbahn prägen, die Berufswahl beeinträchtigen und noch dazu schwer auf der Seele liegen.
Die Wurzeln des Problems liegen häufig schon in der Grundschulzeit: Das Zahlverständnis ist ordinal geprägt, d.h. Zahlen werden nicht als Mengen oder Quantitäten begriffen, sondern als Positionen. Der Zahlenraum bis zehn wurde nie vollständig automatisiert, der Sinn des Stellenwertsystems nie wirklich begriffen. In der Folge bleiben Kopfrechenfertigkeiten rudimentär, denn es wird mehr gezählt als gerechnet, und die Punktrechenarten markieren eine typische, folgenschwere Bruchstelle beim Übergang zum Lernstoff der weiterführenden Schulen.
In solchen Fällen ist es angebracht, von Rechenschwäche oder Dyskalkulie zu sprechen, auch wenn die...

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Fakten zum Artikel
aus: Mathematik lehren Nr. 201 / 2017

Inklusion

Friedrich+ Kennzeichnung Unterricht (< 45 Min) Schuljahr 3-6