Anne-Christine Wünsche

Was hätten Sie dazu gesagt, Herr Seneca?

Beeren als Symbolbild für die Nachtriegel-Beeren aus den "Tributen von Panem"
Nicht länger Sklaven des Systems: Am Ende des Buches weigern sich Katniss und Peeta, die letzten beiden Tribute, sich der Willkür der Spielemacher weiter zu unterwerfen, und drohen, sich mit giftigen Beeren umzubringen. Da es einen Sieger geben muss, geben die Spielemacher nach., Foto: © Maxsol / Shutterstock

Anne-Christine Wünsche

„Die Tribute von Panem im Licht von Senecas Philosophie

In der postapokalyptischen, dystopischen Welt der „Tribute von Panem werden die Entartungen einer Medienkultur in einem diktatorischen Kontext vor Augen geführt. Dieser Beitrag untersucht im Vergleich mit ausgewählten Epistulae morales, inwieweit diese Dystopie antike Wurzeln besitzt, und welche Ratschläge Seneca dazu gibt.

Der ungebrochene Erfolg der mehrfach ausgezeichneten Jugendromantrilogie „Die Tribute von Panem1 (2008 – 2010), deren Verfilmung 2015 abgeschlossen wurde, legt nahe, die „Tribute aus Gründen der Motivation auch im Lateinunterricht einzusetzen: Der Jugendroman bedient sich unter anderem der Gedanken- und Ideenwelt der griechisch-römischen Antike. Die dystopische Zukunftsversion bietet als motivierender Stimulus Denkanstöße, um zu einem vertieften Verständnis des antiken Gedankengutes zu gelangen; in dieser Unterrichtreihe wird dies konkret dargestellt an ausgewählten Episteln des L. Annaeus Seneca d. Jüngeren. Deren Anspruch, nicht nur lebens- und wirklichkeitsfremde philosophische Theorie zu sein, sondern praktische Hilfen zur aktiven Lebensgestaltung zu bieten, soll am Beispiel dieser Zukunftsvision erfahrbar gemacht werden. Im Idealfall eröffnet sich den Schülerinnen und Schülern dadurch ein neuer Blick auf einen antiken Klassiker.
Aktualisierung von antiken Themen
Für diese gegenseitige Durchdringung von Antike, Gegenwart und Zukunft spricht auch, dass die Autorin Suzanne Collins, nach eigenem Bezeugen schon von Kindesbeinen an ein großer Fan der griechisch-römischen Mythologie, sich besonders von dem griechischen Mythos von Theseus und dem Minotaurus2 beeindrucken ließ (vgl. den Beitrag von Michael Stierstorfer, S. 6 in diesem Heft). Sie versteht ihre Panem-Trilogie aber auch als Hommage an einen ihrer Lieblingsfilme, nämlich die „Spartacus-Verfilmung (1960) von Stanley Kubrick. Während des nächtlichen Zappens durch die reality-TV-Programme mit ihren Kandidatenshows und durch einen Bericht über junge Soldaten im Irak-Krieg inspiriert, habe die Idee zu der Panem-Trilogie Gestalt angenommen. Diese „postapokalyptische Version der römischen Gladiatorenspiele3 sei dabei auch als beißende Gesellschafts- und Medienkritik zu verstehen. „Der römische Seneca lebte [] unter einem Regime, das große Ähnlichkeit mit dem des Kapitols besaß. Da er die Sittenlosigkeit und Dekadenz Roms aus unmittelbarer Nähe miterlebte, kann er uns vielleicht Aufschluss darüber geben, woran Panem [und auch die heutige Gesellschaft, Anm. d. Autorin] krankt.4
Die Unterrichtsreihe regt daher auch zur Auseinandersetzung mit Zeitgeistphänomenen an, mit denen ein Großteil der heutigen Schülergeneration mit dem für sie typischen Medienverhalten nur allzu häufig konfrontiert wird: Man denke beispielweise an die Entartungen und Auswüchse des reality- bzw. „Ekel-TVs (Big Brother, Dschungelcamp, Survivor u.Ä.), an den Voyeurismus der Medien und den medial propagierten Schönheits- und Körperkult der westlichen Welt. Für den intendierten kritischen Diskurs bietet sich die Welt von Panem geradezu an, deren erschreckende Monstrosität den modernen Rezipienten zum Nachdenken quasi „zwingt. Gleichzeitig geht die Unterrichtsreihe von der Annahme aus, dass die Seneca-Lektüre remedia bereithält, welche zu einem reflektierteren und kritischeren Umgang mit diesen Zeitgeistphänomenen verhelfen können.
Inhaltsangabe von „Tribute von Panem Bd. 1, „Tödliche Spiele
Die Handlung des Romans (auch kurz: TvP) spielt in einem nach Krieg und Katastrophen degenerierten Nordamerika der Zukunft, aus dem der Staat Panem geworden ist. Dieser Staat besteht aus zwölf Distrikten, die vom technisch, medial und militärisch überlegenen Kapitol, dem zentralistischen Regierungssitz Panems, diktatorisch beherrscht und ausgebeutet werden, da sie das Kapitol mit jeder Art von Rohstoffen und Produktionswaren versorgen müssen. Grund für die politische...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2017

Antike in der Jugendliteratur

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 11-13