Nulla servitus turpior est quam voluntaria!

Seneca, Brief 47 und die „Tribute von Panem“ – servi, immo homines!

Freigeborene sind Sklaven. Diese provozierende Aussage trifft Seneca in Brief 47 seiner Epistulae morales ad Lucilium. Sein Anliegen: eine humane Behandlung von Sklaven – und die Warnung davor, sich in freiwillige Sklaverei zu begeben. Wie ein Vergleich mit der Romanreihe „Die Tribute von Panem“ den Schülern Senecas Haltung näherbringen kann, zeigen wir hier.

Mittelalterliche Halsfessel auf der Piazza delle Erbe in Verona
Die Fesseln der Sklaverei sind nicht immer sichtbar – freiwillige Sklaverei ist nach Seneca, Brief 47, am schändlichsten. Foto: Andreas Lischka / Pixabay

Gerade ist mit „Die Tribute von Panem X: Das Lied von Vogel und Schlange“ ein Prequel zu der beliebten Jugendromantrilogie „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins erschienen. Die Buchreihe bedient sich unter anderem der Gedanken- und Ideenwelt der griechisch-römischen Antike. Als dystopische Zukunftsversion bietet sie Denkanstöße, um im Unterricht zu einem vertieften Verständnis des antiken Gedankengutes zu gelangen, beispielsweise durch einen Vergleich mit Senecas Epistulae morales. Ein Beispiel, Senecas Blick auf die Sklaverei im alten Rom (Seneca, Brief 47) und das Thema der Sklaverei in den „Tributen von Panem“, wird hier kurz vorgestellt.

Worum geht es in „Tribute von Panem“?

Die Handlung des Romans spielt in einem nach Krieg und Katastrophen degenerierten Nordamerika der Zukunft, aus dem der Staat Panem geworden ist. Dieser Staat besteht aus zwölf Distrikten, die vom technisch, medial und militärisch überlegenen Kapitol diktatorisch beherrscht und ausgebeutet werden. Sie müssen das Kapitol mit Rohstoffen und Produktionswaren versorgen. Einmal im Jahr werden sie gezwungen, jeweils ein Mädchen und einen Jungen als Tribute auszulosen und in eine mit tödlichen Fallen ausgestattete Arena zu schicken, wo diese sich bis auf den Tod zur Belustigung eines voyeuristisch veranlagten (Kapitol-) Publikums bekämpfen müssen. Der letzte Überlebende geht als Sieger aus den Spielen hervor.

Die Protagonistin des Romans ist die 16-jährige Katniss Everdeen, die sich gemeinsam mit ihrem Mittribut Peeta Mellark in der Arena bewähren muss. Entgegen der Regeln des Kapitols erzwingt sie, dass sie und ihr Mittribut als Sieger lebend die Arena verlassen dürfen.

Sklaverei in Senecas Epistulae morales

In Senecas Brief 47 steht das sozio-kulturelle Phänomen der Sklaverei im Mittelpunkt. Seneca postuliert die Anerkennung der Sklaven als (Mit-)Menschen („Servi sunt.“ Immo homines. „Servi sunt.“ Immo contubernales. „Servi sunt.“ Immo humiles amici. „Servi sunt.“ Immo conservi).

Dabei will Seneca, selbst ein Sklavenhalter, das System der Sklaverei nicht grundsätzlich infrage stellen – ihm geht es um eine humane Behandlung von Sklaven. Doch er belässt es nicht dabei, Missstände im Umgang mit Sklaven zu entlarven, sondern er betitelt sogar Freigeborene provozierend als conservi (47, 1): Die Wechselhaftigkeit des Schicksals könne auch freie Römer jederzeit und unvorbereitet treffen. Jeder Mensch sei ein Sklave – sei es, dass man seinen Trieben und Gelüsten gehorche, sei es, dass man sich auf die eine oder andere Weise für Geld oder Aufmerksamkeit „prostituiere“. Freiheit sei keine äußere, sondern eine innere Größe. Nicht nur das: Freiwillige Formen von Sklaverei seien moralisch sogar verachtenswerter als die unfreiwilligen (Nulla servitus turpior est quam voluntaria, 47, 17). Denn die ersteren lägen immerhin in der Verfügungsgewalt des Einzelnen.

Sklaverei in den „Tributen von Panem“

Demgegenüber stehen die Distriktbewohner in Panem. Formal juristisch sind die Distriktbewohner keine Sklaven, aber das totalitäre Herrschaftssystem fordert von ihnen Fronarbeit ein und übt seine Kontrolle aus, z. B. durch den Einsatz von Friedenswächtern, die Einzäunung und Isolation der einzelnen Distrikte, durch multimediale Überwachung, verpflichtende Fernsehübertragungen und Tributzahlungen. Die Distriktbewohner sind dem Kapitol hilflos ausgeliefert und fühlen sich wie entrechtete Sklaven.

Im dritten Band bezeichnet sich Katniss selbst als eine Sklavin des Systems. Aber auch innerhalb des Kapitols existieren Formen der Sklaverei in Gestalt der „sozialen Disziplinierung“1: Die entpolitisierten Kapitolbewohner verzichten im Austausch gegen eine (Über-) Fülle materieller Ressourcen auf politische Partizipation. Sie sind durch den selbstauferlegten Zwang, sich an soziale Normen anzupassen, gefügig gemacht worden. So kann ihr dekadentes und sinnentleertes Leben als eine servitus voluntaria demaskiert werden. Es bietet sich an, im Anschluss aktualisierend zu fragen, ob nicht auch wir uns denselben Mechanismen wie die Kapitolbewohner freiwillig ausliefern.

Zeitschrift
Der Altsprachliche Unterricht Nr. 1/2017 Antike in der Jugendliteratur

Schüler tauchen gerne in phantastische Welten ein und identifizieren sich mit den oft jugendlichen Helden. Literatur, die auf antike Motive zurückgreift, kann im altsprachlichen Unterricht als Brücke zur Antike dienen, die die Jugendlichen daher motiviert beschreiten.

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Stumme Dienstboten und Tischsklaven

Eine Sonderform stellen in Panem die sogenannten Avoxe dar, verstümmelte Menschen, denen zur Strafe für ein Verbrechen die Zunge herausgeschnitten wurde und die im Kapitol als stumme Dienstboten ihr Dasein fristen müssen. Die mundtot gemachten Avoxe lassen an die von Seneca beschriebenen Tischsklaven denken, denen jedes Geräusch – und sei es auch nur ein unbeabsichtigtes Hüsteln oder Niesen – bei Strafe verboten ist. Auch wenn dieser Vergleich natürlich etwas hinkt, so werden die Schülerinnen und Schüler als moderne Leser Senecas harsche Kritik am Verhalten vieler seiner Zeitgenossen vielleicht besser nachvollziehen können.

Ideen für zwei Unterrichtssequenzen

Erste Unterrichtssequenz: Die Hungerspiele – Eine Neuauflage antiker Praxis?

  • Die Tribute in The Hunger Games – Ein gesellschaftshistorischer Exkurs
  • Panem et circenses als Opium für’s Volk?
  • Blut und Sand – Die Arena als eine künstlich erschaffene Welt
  • Das Kapitol – Zentrum der Macht und der Kontrolle

Zweite Unterrichtssequenz: Was hätten Sie dazu gesagt, Herr Seneca?

  • Eine ganz normale Mittagspause? (Ep. 7)
  • Ein antiker Winston Churchill – Sport ist Mord? (Ep. 15)
  • Luxusleben in Baiae: Wellnessoase oder Sündenpfuhl? (Ep. 51) 
  • Et servi homines sunt? (Ep. 47) 
  • Zum Glück gibt es das Glück? (Ep. 98) 
  • Gaudeamus igitur!? (Ep. 23)
  • (Weiter-) Leben um jeden Preis? (Ep. 70)
  • Das Leben – La petite mors? (Ep. 24)
  • Der Tod – Eine ultima ratio? (Ep. 26)
  • Atemnot – Eine „Einübung des Todes“? (Ep. 54)
  • Habe ich ein Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende? (Ep. 58)
  • Philosophie als dux vitae? (Ep. 16)
  • Der stoische sapiens – Ein Vorbild auch für zukünftige Generationen? (Ep. 41)
  • Wehret den Anfängen! (Ep. 116)
  • Quis est generosus? Alles eines Frage der Haltung … (Ep. 44)

 


Dieser Beitrag beruht auf Anne-Christine Wünsche: „Was hätten Sie dazu gesagt, Herr Seneca? ‚Die Tribute von Panem‘ im Licht von Senecas Philosophie”, in: AU 1/17 (Antike in der Jugendliteratur), 36-48.

Die ausführliche Beschreibung der Unterrichtssequenz finden Sie in diesem Beitrag. Er untersucht im Vergleich mit ausgewählten Epistulae morales, inwieweit die Dystopie „Tribute von Panem“ antike Wurzeln besitzt, und welche Ratschläge Seneca dazu gibt.

 


1  Van Dyke charakterisiert die Kontrollmechanismen des Kapitols als Formen der „sozialen Disziplinierung“: Das Volk verzichte im Austausch gegen eine Fülle von Ressourcen und Unterhaltung auf seine Macht und lasse sich in „gefügige Körper“ verwandeln. Vgl. Van Dyke, Chr.: „Soziale Disziplinierung und gefügige Körper“: Die Regulierung des Hungers im Kapitol, in: Dunn / Michaud 2013, 254 – 255.

Fakten zum Artikel
Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13
  • Thema: Rezeption
  • Autor/in: Anne-Christine Wünsche
Zeitschrift
Der Altsprachliche Unterricht Nr. 1/2017 Antike in der Jugendliteratur

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