Stephan Thies

„naturamque novat“ – Daedalus ist kein Vorkämpfer für naturgerechte Hausrenovierung

Schülerarbeit (Malerei): Eine junge Frau küsst ihr Spiegelbild
Schülerarbeit: Die Selbstverliebtheit des Narcissus ist kein männliches Problem., © Mina Kocaman

Stephan Thies

Was Schüler über Textverstehen, Interpretation, Rezeption Assoziation und Inspiration wissen sollten!

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir eingestehen, dass jeder unserer Tage mit einer Serie fataler Irrtümer beginnt, mit gröbsten Denkfehlern und althergebrachten Sprachbildern. Wir wachen auf, sehen, dass die Sonne aufgegangen ist, vielleicht schon seit Stunden am Himmel steht. Aber wir kennen aufgrund unserer guten Bildung auch die eigentlichen naturwissenschaftlichen Tatsachen, wie sie sich im Lichte des derzeitigen Erkenntnisstandes darstellen. Die Sonne ist natürlich der Fixstern und die Rotation der Erde erzeugt in uns bloß die Illusion einer aufgehenden Sonne. Auch steht die Sonne nicht am Himmel, denn die Erde ist kontinuierlich in Bewegung, die Drehung der Erde ist jedoch zu langsam, als dass wir ihre Bewegung zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang mit dem bloßen Auge beobachten könnten.
Realität und Wahrnehmung
Die Welt ist also nicht so, wie wir sie sehen. Wir kommunizieren im Wesentlichen über ein Konstrukt aus dem Zusammenspiel zwischen realen Phänomenen, unseren Sinnesorganen und deren Kommunikation mit unserem Gehirn und seinen Interpretationsergebnissen – alles in allem ein hochkomplexer Vorgang. Ohne das Axiom, dass es zwischen der Welt, in der wir uns bewegen, und den Bildern, die wir uns von ihr machen, eindeutige kommunizierbare und diskutierbare Zusammenhänge gibt, können wir nicht leben.
Ohne die Erkenntnis, dass es analog dazu auch in der geistigen Verarbeitung von Texten eindeutige, unter uns Menschen kommunizierbare und diskutierbare Zusammenhänge zwischen eben diesen Texten und den durch sie hervorgerufenen Vorstellungen gibt, gäbe es keinerlei Basis für menschliche Kommunikation. In einer klar bestimmbaren Weise gibt es im Abgleich von Texten und der durch sie ausgelösten Vorstellungen durchaus links und rechts vom „Richtigen ein „Falsch als Leitplanken zum Schutz der zahlreichen angemessenen und vorstellbaren Variationen von (Be-)Deutungen oder der unterschiedlichen Komplexität und Tiefe des individuellen Verstehens. Ohne diese Leitplanken gäbe es weder Universität, noch Schule, nicht Unterricht oder gar begründbare Schulnoten. Es gäbe keine legitimierbare Prüfungsbewertung in irgendeinem vorstellbaren Kontext. Der Satz „Ich sehe ein weißes Pferd kann (in der Regel)1 nicht bedeuten: „In der Satzmitte steht ein Semikolon.
„naturamque novat im Kontext der betreffenden Metamorphose zu verstehen und sich darüber auszutauschen, ist an sich schon ein komplexes Geschehen, die Formulierung Ovids angemessen zu übersetzen ganz schwer leistbar.
Assoziationen
Gehen wir allerdings vom Verstehen des Gedankens des Ovid (oder des Daedalus oder des Erzählers der Metamorphose) über zu der Frage, welche eigenen Gedanken, Phantasien, Assoziationen naturamque novat beim Leser, bei Schülerinnen und Schülern auslöst, wird die Sache noch komplizierter: Ist es verboten oder gar nachweislich „falsch, von der lateinischen Formulierung naturamque novat zu der Assoziation zu kommen, Daedalus sei ein Vorkämpfer für naturgerechte Renovierungskonzepte maroder Altbauten? Wie uns Sigmund Freud gelehrt hat, gibt es keine verbotenen Assoziationen zu irgendeinem Impuls, der uns in dieser Welt begegnet; die Assoziationen sagen aber zuerst einmal etwas über den Assoziierenden und wenig oder nichts über die Idee des Auslösers. Die oben genannte Assoziation ist also nicht verboten, aber im Unterricht allenfalls lustig – sie bringt uns nicht zu einem vertieften Verständnis des antiken Textes und uns selbst oder den Assoziierenden nicht weiter. Es gilt eben nicht, gerade auch nicht im produktionsorientierten Unterricht: „anything goes!
Es ist vielleicht eine der großen Leistungen unserer Kultur, dass wir gelernt haben, das Spannungsverhältnis zwischen der Erkenntnis, dass die Bedeutung von Texten nicht beliebig ist, und der mit ihr korrespondierenden Erkenntnis, dass die Bedeutung...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 2017

Schüler lesen Ovid

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Methode & Didaktik Schuljahr 9-13