Paul Schrott

Musik und Intertextualität

Ein Mann "schreibt" auf einem Wachstäfelchen
Stilum vertas! Der poeta doctus muss am Text lange feilen oder – wie Horaz sagt – das mit der spitzen Seite des stilus Geschriebene mit der breiten Rückseite wieder „ausradieren“., Foto: © Pearl Media / Shutterstock.com

Paul Schrott

Neoterische Dichtung heute?

Der poeta doctus galt in der Antike als Ideal, doch auch heute noch eifern Künstler (bewusst oder unbewusst) diesem Vorbild nach. Der vorliegende Beitrag zeigt Parallelen zwischen antiken und modernen Liedern auf und gibt dadurch Anregungen zu Schülermotivation und Medienbildung im Lateinunterricht.

„Ich verbrenn mein Studio, schnupfe die Asche wie Koks.
Ich erschlag meinen Goldfisch, vergrab ihn im Hof.
Ich jag meine Bude hoch, alles, was ich hab, lass ich los. (Uuh …)
Mein altes Leben, schmeckt wien labbriger Toast.
Brat mir ein Pracht-Steak, Peter kocht jetzt feinstes Fleisch,
bin das Update, Peter Fox 1.1!1
Mit diesen Zeilen beginnt das Lied „Alles neu des deutschen Reggae- und Hip-Hop-Musikers Pierre Baigorry, das dieser unter dem Künstlernamen Peter Fox im Jahr 2008 auf dem Album „Stadtaffe veröffentlichte (Material 1 ). Bereits diese ersten Zeilen zeigen sehr deutlich, dass der Musiker Großes vorhat, denn er will ein Update seiner selbst, nämlich „Peter Fox 1.1, werden. Im weiteren Verlauf spricht er in verschiedenen Metaphern davon, wie er seinen alten Lebensstil, aber auch seinen bisherigen Musikstil hinter sich lassen will. So will er etwa die „Abrissbirne für die deutsche [Musik-]Szene sein und bekennt sich zu einer Politisierung seiner Musik, indem er sich mit Bono, dem bekannten Sänger der irischen Kult-Rockgruppe U2, vergleicht, da er bereit ist, „die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist.
Kurz, Peter Fox formuliert hier die Grundzüge seines neuen künstlerischen Konzeptes. Im Unterricht zeigte sich, dass viele Schülerinnen und Schüler das Lied und auch das zugehörige Musikvideo kennen, und dass sie vor allem vom einprägsamen Rhythmus des Liedes in den Bann gezogen werden; manche kennen sogar den Text, nur wenige haben ihn aber in seiner Tiefe hinterfragt.
Künstlerische Programme
Dabei ist es natürlich keineswegs ungewöhnlich, dass sich Künstler in ihren Werken zu ihren musikalischen Intentionen äußern. Wie nun Peter Fox sein Album mit dem eben erwähnten Lied „Alles neu programmatisch einleitet, so beginnt auch das erhaltene Textcorpus des Dichters Catull mit einem Widmungsgedicht an seinen Freund Cornelius Nepos, in dem er sich zu einem neuen Dichtungsstil bekennt: dem neoterischen Dichtungsideal.2
Gleich in den ersten Versen von c. 1 (Material 2 ) fallen Schlüsselwörter, die die neue Art zu dichten charakterisieren: Catull will kein großes Werk schaffen, sondern nur ein libellus, ein Büchlein, das außerdem noch durch die Adjektive lepidus und novus näher definiert wird (vgl. Tafelbild 1 ): Es soll ein geistreiches Werk in einem neuen Stil sein. Als weiterer Punkt soll das Werk arida pumice expolitum sein, eine zweideutige Anspielung, die vordergründig auf die feine Glättung des Papyrus mit Bimsstein hinweist und so eine ansprechende äußere Form des Werkes postuliert, zum anderen aber auch auf die ausgefeilte künstlerische Gestaltung der einzelnen Gedichte zu beziehen ist.3
Das Widmungsgedicht des Catull
Im Stile eines offenen Briefes lässt Catull dabei den Leser an seiner Widmung an den Freund teilhaben und begründet, warum seine Wahl gerade auf Nepos gefallen ist: Dieser ist ja kein Dichter, sondern er ist der Verfasser zahlreicher kurzer Biografien, von denen zwar nur noch eine begrenzte Auswahl zu griechischen Heerführern (darüber hinaus auch zu Hannibal) erhalten ist, die aber auch heute noch in der Schule gelesen werden. Zum anderen war Nepos als Historiograph tätig, der unter dem Titel Chronica eine Geschichte Italiens vorgelegt hat. Dieses verlorene Werk unfasste offenbar nur drei Bücher und darin sieht Catull die Gemeinsamkeit zu seinem eigenen Dichten: Beide versuchen eine neue Art des Schreibens. Nepos gestaltete als Erster eine kompakte Geschichte Italiens in nur drei Büchern (tribus cartis), was durchaus ein Wagnis bedeuten konnte (ausus es unus Italorum). Die...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Catull

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 9-11