Petra Hachenburger

Mundus vult decipi, ergo decipiatur

Auszug einer Schülerarbeit. Diese enthält unter anderem ein Gemälde und einen eine kurze Analyse des Ovid-Textes zu Hermione und Orest.
Nachbildung einer Schülerarbeit: Die Verfremdung in den Heroides (Bsp. Hermione und Orest). , Bild: Anne-Louis Girodet de Roucy-Trioson: "Das Treffen von Orestes und Hermione"

Petra Hachenburger

Über die (Un-)Glaubwürdigkeit von Sprache und Bildern

Inwiefern hängt Rezeption von unserem Vorwissen ab? Woher wissen wir, welche Geschichten in den Medien stimmen? Die Schüler recherchieren Verfremdungen von literarischen Vorlagen oder Sachinformationen und werden sensibiliert, Aussagen und Informationen nicht unreflektiert hinzunehmen. Ein Vergleich der Mythenvorlage und Ovids Adaption in den Heroides beschließt die Unterrichtseinheit.

Die Behandlung von Mythen, insbesondere von Liebespaaren und deren Sorgen und Nöten, gehört innerhalb des Lateinunterrichts erfahrungsgemäß zu den Themen, die bei vielen Schülern beliebt sind – immer wieder finden sich hier Experten in den Lerngruppen, die sich auch außerhalb des Lateinunterrichts für diese Geschichten interessieren und verblüffend detailgenau über Zusammenhänge Bescheid wissen. Ovids Metamorphosen, Hygins Fabulae, die Tragödien des Euripides – Geschichten, in denen es ebenso menschelt wie in der Neuzeit, in denen das allzu Menschliche neben Philosophischem und Fantastischem seinen Platz hat, verlieren auch heutzutage offensichtlich nichts von ihrem Reiz. Die Fantasy-Buchreihe „Percy Jackson & the Olympians stellt keine Form moderner Konkurrenz dar, sondern fungiert vielmehr als Inspirator und Motivator für interessierte Jugendliche. Und nicht zu vergessen Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums: Als Buch oder Hörbuch ist er auch heute noch oft ein Klassiker im (digitalen) Bücherregal von Lateinschülern.
Ovids Heroides
In Ovids Heroides, einer Briefsammlung, die nicht unbedingt zur Standardlektüre in heutigen Lateinklassen zählt, schreiben mehr oder weniger berühmte Frauen aus der mythologischen Überlieferung an ihre abwesenden Partner und präsentieren demzufolge die Sicht der elegisch liebenden Frau, die unter der Trennung von ihrem Geliebten leidet.1 Es erscheint einleuchtend und nachvollziehbar, dass der antike Briefleser, sofern er doctus war, die offizielle Vorlage dieser Geschichten ebenso wie die Gattungstradition der Elegie kannte und der Wiedererkennungswert damit sehr hoch war, wenn er den gleichen Figuren und Handlungen oder den Merkmalen der Elegie, leicht modifiziert in anderen Werken begegnete.
Der belesene Leser
Ovids Publikum nahm Variationen also bewusst wahr. Versuchen Sie trotzdem, sich auf folgende Gedankenspielerei einzulassen: Was wäre gewesen, wenn der antike Leser eben nicht doctus gewesen wäre und die Vorlage nicht gekannt hätte (natürlich rein hypothetisch, da er als indoctus wohl keinen Zugang zur Literatur hätte haben können, weder zum Original noch zu dessen Abänderung)? Hätte dies eventuell einen Einfluss auf die Weiterentwicklung eines Mythos gehabt – wenn es eben viele indocti gegeben hätte, die Ovids Version als Wahrheit angesehen und diese weitergegeben hätten ?
Ein solches Gedankenspiel kann als Aufhänger für eine Unterrichtsreihe genutzt werden und geschmeidig überleiten zu einem Exkurs über die Glaubwürdigkeit von Gedrucktem und zu einem unvermeidlichen Transfer auf die Gegenwart: Woher wissen wir, welche Geschichten in den Medien stimmen, d.h. einer objektiven Wahrheit – sofern es diese überhaupt gibt – entsprechen? Wieviel Expertise bezüglich der Wahrheit benötigen wir, um Modifizierungen oder „Altbekanntes in neuen Schläuchen überhaupt zu erkennen? In welchen Bereichen kann ich persönlich, weil ich Experte, also doctus bin, sagen, dass eine Interpretation als Faktum dargestellt wurde? Und was passiert, wenn mit dieser „neuen Wahrheit weitergearbeitet wird?
Im Wesentlichen sind es drei Fragen, die in der folgenden Unterrichtseinheit immer wieder diskutiert werden:
(1) Die Wirkung einer veränderten Vorlage auf den Rezipienten: Warum/inwieweit lässt sich der Leser überhaupt auf die Verfremdung ein, sofern er diese bemerkt?
(2) Dramatische Ironie: Kann ein Leser die Spannung und Lesefreude für ihn selbst aufrechterhalten, obwohl er das Ende einer Geschichte...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 2017

Schüler lesen Ovid

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 11-13