Karl-Heinz Niemann

„Bella gerant alii, tu, felix Austria, nube!“

Karl-Heinz Niemann

Wer hat diesen Hexameter nicht schon irgendwann einmal – zumeist wohl im Geschichtsunterricht – gehört, wenn die Heiratspolitik der Habsburger in unserem Nachbarland markiert werden sollte. Sie hat seit der Endphase des Mittelalters über einen langen Zeitraum Österreich dazu gedient, das eigene Territorium und seine politische Macht auf unblutige Weise durch Landgewinne oder durch die Stärkung von Bündniskoalitionen zu erweitern.
Aus heutiger Sicht wird die in dem Hexameter ausgesprochene Empfehlung auf den ersten Blick häufig als Lob einer erfolgreichen Friedensstrategie empfunden, auch wenn man den zweiten Teil des Distichons, zu dem er gehört, hinzunimmt. Dieses lautet vollständig:
Bella gerant alii, tu, felix Austria nube!
Nam quae Mars aliis, dat tibi diva Venus.
Was aber hat der Urheber des Distichons sich dabei gedacht? Er ist nach wie vor unbekannt – das Distichon taucht zum ersten Mal in Quellen aus dem 17. Jh. auf (Material 1 ). Welche Vorlage könnte ihn evtl. inspiriert haben? Welche Assoziation wollte er bei den Lesern/Zuhörern vielleicht mit der Erinnerung an sie wecken?
Die Inspirationsquelle
Vor einiger Zeit fiel mir bei der Ovidlektüre ein Pentameter ins Auge, der mich plötzlich an die österreichische Devise erinnerte. Im 17. Brief der Heroides empfiehlt Helena dem Adressaten Paris: Bella gerant fortes, tu, Pari, semper ama! Und das komplette Distichon lautet (253f.):
Apta magis Veneri quam sunt tua corpora Marti.
Bella gerant fortes, tu, Pari, semper ama!
Helena manövriert in ihrem Antwortbrief an Paris geschickt zwischen der Ablehnung von dessen Aufforderung, Menelaos zu verlassen und mit ihm nach Troja zu gehen, und ihren Sympathiebezeugungen für den Adressaten hin und her. An dieser Stelle bezieht sie sich gerade auf das Argument des Paris-Briefs, dass sich Troja im Falle eines aus dem Raub entstehenden Krieges – u.a. durch Helden wie ihn1 – erfolgreich durchsetzen werde (Her. 16,353ff.). Helena bezweifelt, dass Paris dazu fähig sei, weil sein Aussehen dagegen spreche (17,249ff.): Seine Gesichtszüge passten nicht zu fortia facta, und auch sein Körper lasse eher auf eine venus- als eine marszentrierte Eignung schließen.
Wenn der Urheber der „Heiratsempfehlung an Austria dieses Distichon im Auge hatte und seine Rezipienten an dieses erinnern wollte, dann wird aus dem „Lob für die erfolgreiche Friedensstrategie eine subtile „Kritik an schlichter Heiratspolitik. Denn dem Kenner wird zu der Strukturparallele mit wörtlichen Wiederaufnahmen – bella gerant, tu, + Vokativ (Pari Austria) + Imperativ (ama nube) sicher das bewusst ausgelassene – oder besser durch alii überspielte – fortes auffallen. Und die parallele Nennung der beiden Götternamen Mars und Venus im Folgevers rundet schließlich die Erinnerung an das von Helena abgegebene Werturteil und den Impuls zur Übertragung auf Austria ab (Material 2 ).
Eine Alternative?
Bei meiner anschließenden Überprüfung, was denn das Internet zu dem bekannten Austria-Distichon sage, fand ich erstaunt heraus, dass es auf eine andere Stelle in einen anderen Heroidenbrief als Vorbild verweist: bella gerant alii; Protesilaos amet! (Ovid, Her. 13,84).2
Diesen Brief schreibt Laodamia an Protesilaos, der nach dem Raub der Helena mit den Griechen nach Troja gezogen war. Laodamia leidet unter der Abwesenheit ihres Gatten, ist besorgt um ihn und möchte ihn zur Zurückhaltung im Kampf bewegen. Unmittelbar vor der oben benannten Stelle argumentiert sie: Menelaos selbst solle sich auf die Feinde stürzen, um Paris zu entreißen, was dieser ihm entrissen habe. Protesialos hingegen solle kämpfen, um zu leben und zu ihr zurückzukehren. Mit einer Apostrophe an die Trojaner bittet sie diese, sein Blut nicht zu vergießen (79ff.):
Parcite, Dardanidae, de tot, precor, hostibus uni, / ne meus ex illo corpore sanguis eat! / non est, quem deceat nudo concurrere ferro / saevaque in oppositos pectora ferre viros....
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 2017

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Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (< 2 Std.) Schuljahr 9-13
  • Thema: Rezeption
  • Autor/in: Karl-Heinz Niemann