Carolin Ritter

Zwei Jahrtausende des Schweigens

Foto: Die EU-Abgeordnete Terry Reintke mit einem #MeToo-Schild
Stumm, aber nicht sprachlos. Die EU-Abgeordnete Terry Reintke protestiert., Foto: © picture alliance/REUTERS

Carolin Ritter

Der Philomela-Mythos bei Ovid, Boyd und Shakespeare

Anhand des Mythos von Philomela lässt sich die gewaltige Wirkungsgeschichte der ovidischen Erzählkunst am sensiblen Thema der sexuellen Gewalt nachvollziehen. Im Vordergrund steht dabei das Verhältnis von Rede und Macht, das im Unterricht im sprachlichen Detail erarbeitet werden kann.

Nicht jedem Leser ist bewusst, dass in Ovids Metamorphosen etwa 50 Vergewaltigungen geschildert werden.1 Philomelas Geschichte sticht dabei durch ihre schonungslose Brutalität hervor (Ov., Met. 6,412 – 674): Nach der Vergewaltigung schneidet der Thraker Tereus ihr die Zunge heraus und hält das Opfer im Wald gefangen, damit niemand von dem Verbrechen erfährt. Doch der Athenerin gelingt es auch ohne das Sprechen, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien, indem sie ihre Geschichte in ein Gewebe webt und es zu ihrer Schwester bringen lässt (eine Zusammenfassung des Mythos sowie lektürebegleitende und abschließende Fragen in Material 9 ).
Relevanz für den Unterricht
Warum sollte gerade dieser grausame Mythos, der bislang nicht in Schulausgaben aufgenommen worden ist, mit Schülerinnen und Schülern gelesen werden?
Zunächst ist das Schweigen der Opfer sexueller Gewalt ein hochaktuelles Thema. Die #MeToo-Bewegung, die sich im Zuge der Skandale um den Filmproduzenten Harvey Weinstein über die sozialen Netzwerke verbreitete, sollte das Schweigen über Missbrauch brechen. Aber nicht allein das Schweigen missbrauchter Frauen, sondern das Schweigen der Frauen überhaupt ist Thema der aktuellen feministischen Diskussion. Mary Beards Bestseller „Women & Power, in dem sie das Verhältnis von Sprache und Macht im Kampf der Geschlechter beleuchtet, beruft sich auf Philomela als Exempel einer Frau, die am Beginn einer jahrtausendealten Geschichte der Unterdrückung von Frauen steht.2
Im Gegensatz zu anderen Fällen von sexueller Gewalt in den Metamorphosen, die entweder en passant, verharmlosend oder beschönigend erzählt werden (z.B. Europa, Io, Danaë), manifestiert sich die Grausamkeit hier auch im besonders drastischen Motiv der Verstümmelung. Io kann nicht mehr sprechen, weil sie in eine Kuh verwandelt wird, aber Philomela wird durch das Heraustrennen ihrer Zunge buchstäblich ihrer Sprache beraubt (lingua bedeutet auch „Sprache).
Ein Grund, warum der Mythos bisher nicht in der Schule gelesen wurde, ist gewiss diese Brutalität. Mir jedoch erscheint die Philomela-Geschichte weitaus ehrlicher als beispielsweise der Daphne-Mythos, in dem sich die versuchte Vergewaltigung mit der Verwandlung Daphnes in Wohlgefallen auflöst. Gerade deswegen sollte sie in der Schule gelesen werden. Einerseits erlaubt der Mythos die nötige Distanz für ein derartig sensibles Thema, da jedem Leser bewusst ist, dass hier eine fiktive Geschichte aus einer entrückten Welt erzählt wird, die nicht die eigene Realität abbildet, andererseits bietet Ovids symbolhafte Erzählung und sein tiefer Blick in die menschliche Psyche eine geeignete Folie zur Auseinandersetzung mit derartigen existenziellen und universellen menschlichen Fragen.
In keinem anderen Vergewaltigungsmythos der Metamorphosen wird die Sprache in dieser Weise selbst zum Thema. Im Reden und Schweigen bzw. Stummsein schlägt sich das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern nieder. Da sich sowohl die Unterdrückung der Frau als auch ihre Befreiung vor allem im Umgang mit Sprache zeigt, ist das weibliche Rollenbild im Unterricht besonders gut durch sprachliche Analyse und Interpretation des Wortlauts erschließbar. An der Motivik des Redens und Schweigens, die Ovids Philomela-Episode bestimmt und die Rollen der Geschlechter definiert, orientiert sich meine Textauswahl.3
Die spielerische Weiterentwicklung des Philomela-Mythos durch den neulateinischen Autor Mark Alexander Boyd (1592) und durch William Shakespeare (1594) schließlich illustriert neben der Bedeutung der Metamorphosen für den humanistischen Diskurs die Aktualität des...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2019

Geschlechterbilder

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 10-13