Jan Weidauer

Viri Romani

Foto: Conchita Wurst
„Wann ist ein Mann ein Mann?“ (H. Grönemeyer, Männer). Stark differierende Modelle bieten z.B. die ambivalente Performanz von Conchita Wurst und die hypermaskulin aufgeladene öffentliche Selbstdarstellung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. , Foto: © imago/Hollandse Hoogte

Jan Weidauer

Die Konstruktion männlicher Geschlechtsidentitäten in Martials Epigrammen

Die Schülerinnen und Schüler reflektieren römische Vorstellungen von männlichen Geschlechtsidentitäten anhand einer Auswahl aus den Epigrammen Martials und kontrastieren diese mit ihren Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata in Bezug auf die Kategorie Geschlecht.

Die Untersuchung einer Auswahl der Epigramme Martials bietet den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in die Konstruktion antiker Geschlechterverhältnisse, zugleich demonstriert sie ihnen die Relevanz der Antike für gegenwärtige Orientierungsbedürfnisse. Konkret geht es um die Reflexion des Konstruktcharakters der sozialen Kategorie „Geschlecht.1 Dieser Reihe liegt die Annahme zugrunde, dass Geschlechtsidentitäten relational konstruiert werden (siehe Basisartikel).
Virtus und continentia
Ein „richtiger Mann verfügte im antiken Rom über „vir-tus, sowohl als militärische Tapferkeit als auch als philosophische Tugendhaftigkeit verstanden. Das wichtigste Erzeugungsprinzip eines normgerechten männlichen Habitus stellt die continentia dar: Die Mäßigung der eigenen Lüste, seien sie auf libidinöse oder pekuniäre Ausschweifungen gerichtet, stellt die Herrschaft des Mannes über sich selbst dar, während der Kontrollverlust als weiblich gekennzeichnet ist. Die continentia befähigt den Mann, andere, schwächere Männer oder Frauen, zu beherrschen. Rückschlüsse auf römische Männlichkeitsnormen lassen sich aus literarischen Repräsentationen von Formen der Nicht-Männlichkeit ziehen, die meist als Weiblichkeit konnotiert sind. Eine Kontrastfolie zum „echten römischen Mann stellt in diesem Sinne der vir mollis oder auch der cinaedus dar.2 Vorwürfe der Effeminierung waren bereits in republikanischen Invektiven ein probates Mittel, um den politischen Gegner zu erniedrigen;3 in der kaiserzeitlichen Literatur spielen Vorwürfe der mollitia weiterhin eine bedeutende Rolle.4
Rückschlüsse auf Geschlechtsidentitäten in Martials Epigrammen
Gerade in den Epigrammen Martials werden körperliche und geistige Defekte der Protagonisten schonungslos bloßgestellt und angeprangert, um dem Rezipienten in eleganter lyrischer Form ein kennerhaftes Lachen oder gar beißendes Gelächter zu entlocken. Textuell treten uns mithin verschiedene körperliche und sprachliche Zeichen(ketten) entgegen, aus denen Rückschlüsse auf die Geschlechtsidentität der literarischen Figuren gezogen werden können bzw. sollen. Folglich lernen die Schülerinnen und Schüler im Verlauf der Interpretation der Epigramme einerseits einen Modus der Geschlechtskonstruktion kennen, die – literarisch gebrochene bzw. konstruierte – Performativität, hier verstanden als „doing gender, indem bestimmte Praktiken in jeweils neuen Kontexten aktualisiert werden.5 Andererseits erarbeiten die Lernenden Normen, denen ein Mann im antiken Rom genügen musste, um als „echter Mann anerkannt zu werden. Damit bietet sich ihnen die Möglichkeit, das Geschlecht nicht als ontologisch unumstößliche Essenz des eigenen Wesens wahrzunehmen, sondern dessen soziale Konstruiertheit im Rahmen der Sequenz nachzuvollziehen.
Von dieser Grundlage aus stellt sich die Frage, welche Praktiken die Lernenden in ihrer eigenen Lebenswelt vorfinden und welche Normen ihre eigene Wahrnehmung steuern. Für Heranwachsende ist die Frage der eigenen geschlechtlichen Identität in besonderem Maße lebensweltlich relevant: Wie positioniere ich mich zu geschlechterstereotypen Verhaltensweisen und Lebensstilen? Neben der inhaltlichen Motivation ist gerade für sprachlich schwächere Lernende hilfreich, dass es sich um kurze und grammatikalisch nicht besonders anspruchsvolle Texte handelt, deren Ziel es ist, witzig zu sein. Die in den Epigrammen fassbare Intoleranz gegenüber normabweichenden Geschlechtsidentitäten kann als Anknüpfungspunkt dienen, um die Ansprüche und Realität unserer pluralistischen Gesellschaft zu diskutieren.
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 1 / 2019

Geschlechterbilder

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13