Rainer Nickel

Tua res agitur

Klytaimnestra und Aigisthos erschlagen Agamemnon. Vorderseite einer Aschenurne, 2. Jh. v. Chr.
Klytaimnestra und Aigisthos erschlagen Agamemnon. Vorderseite einer Aschenurne, 2. Jh. v. Chr., © akg-images / CDA / Guillemot

Rainer Nickel

Satirisches in der Satire 1,1 des Horaz

Hor., Sat. 1,1 lässt sich unter ganz verschiedenen Schwerpunkten im Unterricht behandeln. Die Schüler setzen sich mit der eigenen Lebensweise auseinander, reflektieren über die Themen „Maß und Grenze oder „unüberlegtes Reden und erkennen, wie Horaz Kritik mit einem Augenzwinkern (ridentem dicere verum) äußert.

In seiner ersten Satire befasst sich Horaz mit der verbreiteten Unzufriedenheit der Menschen: Niemand ist mit dem zufrieden, was er ist und was er hat. Aber keiner ist im Ernstfall bereit, mit einem anderen zu tauschen. Neid und Habsucht (Abb. 1 ) motivieren ihn bei aller Unzufriedenheit zu rastloser Tätigkeit, die jedes Maß überschreitet. Mit diesen Gedanken veranschaulicht der Dichter nichts anderes als den Kerngedanken seiner Satiren-Dichtung: lachend die Wahrheit zu sagen (ridentem dicere verum).
Maß und Grenze
„Sag mir doch, was bringt es eigentlich, ob man hundert oder tausend Morgen Land bestellt, wenn man innerhalb seiner natürlichen Grenzen lebt. Vel dic,1 quid referat intra / naturae finis viventi, iugera centum / an mille aret (Sat. 1,1,49 – 51). Denn „es liegt ein Maß in den Dingen, es gibt ja schließlich bestimmte – räumliche und zeitliche – Grenzen, vor und hinter denen nichts Rechtes bestehen kann (106f.).
Diese Einsicht liefert den Maßstab für alles Handeln. Darum sollte man dem maßlosen Gewinnstreben eine Grenze setzen und anfangen, die sinnlos-mühselige Rastlosigkeit zu beenden (92 – 94).
Wenn auch diese Aufforderung meist nicht befolgt wird, so gibt es doch eine absolute Grenze: Aber man werde nur selten jemanden finden, der, wenn er an dieser Grenze angekommen ist, zufrieden aus dem Leben geht wie ein satter Gast (118f.). Das ist beileibe keine latente Aufforderung zum Selbstmord. Denn Horaz distanziert sich hier deutlich von Lukrez, der die „Natur einen Unzufriedenen in aggressivem Ton fragen lässt (3,938f.): „Warum gehst du nicht wie ein Gast mit vollem Bauch aus dem Leben und suchst mit Gleichmut Ruhe und Sicherheit, du Dummkopf?
Horaz stellt hier wie Bion (bei Teles, p. 16, 2 – 4) unaufgeregt fest: „… wie ich ohne zu murren ein Gastmahl verlasse, so scheide ich auch aus dem Leben, wenn die Stunde da ist.
Wenn er dann am Ende von Sat. 1,1 sagt: „Jetzt reichts endlich Ich werde kein Wort mehr hinzufügen (120f.), bleibt er auch in seinem poetisch-satirischen Schaffen seinem Leitmotiv treu: Er will sich selbst und dem Leser keine Zeit stehlen. Denn die Satire fasst sich kurz: „Überall hört man Reden dieser Art. Es sind so viele, dass sie selbst den geschwätzigen Fabius müde machen. Damit ich dich nicht aufhalte oder langweile, hör jetzt, worauf ich hinaus will. (13 – 15)
Der Gedanke der von der Natur gesetzten Grenze durchzieht die ganze Satire; der Leser soll sukzessiv unter verschiedenen Aspekten auf ihn gestoßen werden oder ihn selbst entdecken.2
Mitwirkung des Lesers
Auf den ersten Blick scheint das Thema der Satire die vita beata zu sein. Aber der Leser wird gar nicht nach dem Wesen des Glücks gefragt – das Leitwort lautet contentus (Sat. 1,1,3 und 118), nicht beatus oder felix. Er soll nur überlegen, wie es zu erklären ist, dass die Menschen mit ihrem Lebensschicksal unzufrieden sind und andere um ihr angeblich so gelungenes Leben beneiden. Mit dieser Bemerkung fühlt sich der Leser unmittelbar angesprochen. Er merkt sogleich, dass von ihm selbst die Rede ist. Das tua res agitur der Ep. 1,18 schwingt hier bereits mit.
Schon mit dem Titel Sermones betont Horaz den dialogischen Charakter seiner Satiren. Dieser Kunstgriff nimmt den Texten von vornherein die aggressive Note. Weil der Dichter nicht polarisieren oder gar vernichten will, stellt er durch Anrede, Frage, Aufforderung usw. immer wieder die Beziehung zum Leser her.3 Anders als Lucilius verzichtet er auf Polemik. Er argumentiert im Stil der Diatribe, die in ungezwungenem Ton Themen der praktischen Ethik und...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2017

Satirisches und Satire

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13