Judith Hindermann

Trauer und Trost im Exil

Gemälde von J. M. W. Turner, Ovid Banished from Rome
Ovids Sehnsucht nach Rom übertrifft alles; er schreibt sogar lieber angeblich schlechte Zweckdichtung, als noch länger in Tomis auszuharren., © The Athenaeum

Judith Hindermann

Strategien der Verarbeitung bei Cicero, Ovid und Seneca

Drei der heute bekanntesten römischen Autoren – Cicero, Ovid und Seneca – waren im Exil und verarbeiteten dieses biografisch einschneidende Erlebnis in ihren Werken. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Schriften aus der Verbannung auf die Motive „Trauer und „Trost hin zu vergleichen. Es soll dabei aufgezeigt werden, unter welchen negativen Auswirkungen des Exils die Betroffenen besonders litten und mit welchen Strategien der Sublimation und des Selbsttrostes sie ihr Leid zu verringern suchten. Mit der Frage nach Trauer und Trost im Exil ist zudem ein Transfer der Erfahrungen römischer Exilierter auf Emigration, Vertreibung und Flüchtlingsdasein in der heutigen Zeit möglich und kann als Aktualitätsbezug in den altsprachlichen Unterricht eingebracht werden.
Die Selbstdarstellung der Verbannten in ihren Exilschriften ist nicht nur von der Persönlichkeit der Verfasser, den rechtlichen Bedingungen und politischen Umständen der Verbannung, sondern auch von den Adressaten der Schriften und insbesondere den Konventionen der gewählten literarischen Gattung abhängig. Während Cicero seine Gedanken im Exil in privaten Briefen an Verwandte und Freunde äußerte, verfasste Ovid Elegien bzw. Briefe im elegischen Distichon und Seneca Trostschriften, Consolationes.
Die Sicht auf einen antiken Autor und seinen Umgang mit der Verbannung ist zudem stark geprägt durch zeitgenössische Erfahrungen und Werte. Namhafte Historiker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts z.B. kritisierten die „unmännliche Haltung Ciceros und Ovids in ihren Schriften aus dem Exil – eine über lange Zeit verbreitete Auffassung, die sich im deutschsprachigen Raum erst mit den Erfahrungen von Exil und Emigration in Folge des zweiten Weltkriegs verändert hat.1
Ciceros Briefe aus dem Exil an den Freund Atticus und an seine Familie
Cicero wurde verbannt, weil er den Plänen der mächtigen Männer der ausgehenden Republik – Cäsar, Pompeius und Crassus – im Wege stand. Diese hatten 60 v.Chr. das sogenannte erste Triumvirat konstituiert und damit eine einvernehmliche Vorgehensweise zur Durchsetzung ihrer Partikularinteressen beschlossen. Unter Duldung der Triumvirn gelang es dem Volkstribunen des Jahres 58, Publius Clodius Pulcher, Cicero durch die Lex Clodia de capite civis Romani, welche gegen Ciceros Amtsführung als Konsul und seine angeblich ungesetzliche Hinrichtung der Catilinarischen Verschwörer gerichtet war, aus Rom zu vertreiben.2 Cicero reiste nach Brundisium in Süditalien, von wo aus er nach Dyrrhachium, einer freien Stadt an der Westküste des heutigen Albaniens, übersegelte und sich schließlich in der nordgriechischen Stadt Thessaloniki und später wieder in Dyrrhachium niederließ.
Aus Ciceros 16 Monate dauerndem Exil von März 58 bis August 57 v.Chr. sind insgesamt 34 Briefe in den Sammlungen Ad Atticum, Ad familiares und Ad Quintum fratrem erhalten. Der Großteil der Briefe ist an den Freund Titus Pomponius Atticus adressiert (die Exilbriefe machen das dritte Buch der Briefsammlung Ad Atticum aus), vier Briefe aus dem vierzehnten Buch der „Ad familiares-Sammlung an die Gattin Terentia und die Kinder Tullia und Marcus und zwei Briefe aus dem ersten Buch der Sammlung Ad Quintum fratrem an den Bruder. Alle diese Briefe sind vermutlich nicht durch Cicero selbst edierte und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte private Briefe.
Ciceros Briefe an Atticus
In den Briefen an Atticus wird deutlich, dass die schlimmste Folge des Exils für Cicero der Verlust von Ansehen und Macht ist. Der ehemalige Konsul des Jahres 63 v.Chr. leidet sichtlich darunter, dass er in Rom keinen Einfluss mehr hat. Die Gedanken des Exilierten kreisen um die aktuelle politische Situation und um seinen Wunsch nach Wiedereingliederung in den Senatorenkreis in Rom. Da er sich mit der Zuschauerrolle nicht begnügen kann und will, versucht er durch die Korrespondenz mit Atticus aus...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Fachwissen Schuljahr 10-13