Peter Schwalb

„Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld. 8, 6)

Zeichnung von Aubrey Beardsley (1872-1898), „Ave atque vale“
Das Bild AVE ATQVE VALE kann als Einstiegsfolie oder zur vertiefenden Deutung genutzt werden., Foto: © Heritage Images / Fine Art Images / akg-images

Peter Schwalb

Catulls carmen 101

Catull ist als ein großer Dichter der Liebe bekannt und beliebt. Auch ernste Themen gehören zu einer authentischen Vermittlung seiner Dichtung. Carmen 101 eignet sich formal und inhaltlich sehr gut, um existenzielle Gefühle und Lebenslagen mit hoher Kunst in Einklang zu bringen.

Die meisten Catull-Ausgaben für den Unterricht enthalten – völlig zu Recht – c. 101, da es uns einen tiefen Einblick in ein für den Autor existenziell ergreifendes Erlebnis gewährt. Catull drückt sein Leid über den Verlust des Bruders auf anrührende Weise aus und erweist ihm so, am Grabe klagend (ἐπι-κήδειον), die letzte Ehre. Die (brüderliche) Liebe und der Tod sind also die zentralen Themen.
Dieses Gedicht über den Tod des Bruders und Catulls Trauer enthält keinerlei parodistische Züge wie etwa c. 3 über den toten passer der amica, sondern wirkt sehr ernst. Es finden sich keine breit ausgeführten Klagen auf eine fremde Person, wie z.B. später in Properzens langer Elegie 4,11 für die adlige Cornelia, sondern der Dichter formuliert seinen eigenen Schmerz kurz und klar (Material 1 ).
Texterschließung
Als für eine zügig vorankommende Übersetzung vorteilhaft erweist sich hier, dass kaum syntaktische oder sprachliche Hürden zu erwarten sind; mit gerade in der Dichtung bzw. bei Catull häufig auftretenden Hyperbata werden die Schülerinnen und Schüler bereits rechnen.
Die Gesprächssituation, nach der zu fragen sich wieder einmal lohnt, stellt sich wie folgt dar: Catull will seinen toten Bruder erreichen (V. 1f.: vectus/advenio) und versucht, wohlwissend um die Unmöglichkeit dieses Vorhabens, mündlichen Kontakt mit ihm aufzunehmen (V. 4: nequiquam alloquerer), wobei schließlich Gruß und Abschied in dem auf ewig ausgesprochenen Geleit auf einmalig paradoxe Weise ineinander übergehen (V. 10 mit passenden Synaloephen: atque in ave atque vale). Gemäß der antiken Sitte, den Verstorbenen noch (dreimal) namentlich laut anzurufen (conclamatio), spricht Catull seinen toten Bruder nun nachträglich an.
Die Schüler sollten zunächst das dominante Sachfeld „Tod und Trauer herausarbeiten und wiederaufgegriffene Elemente farblich markieren (intensive Textarbeit, am besten auf einem ausgeteilten Blatt). Das semantische Feld „Tod und Trauer ist sehr dicht besetzt: miseras ad inferias (V. 2), postremo munere mortis (V. 3), mutam cinerem (V. 4: cinis häufiger maskulin, aber als altgriechisches Lehnwort [ἡ κόνις] hier feminin), nequiquam (V. 4), fortuna mihi tete abstulit (V. 5), heu miser indigne frater adempte (V. 6), prisco more parentum / tradita (V. 7f.), tristi munere ad inferias (V. 8), multum manantia fletu (V. 9), in perpetuum, frater (V. 10).
Unbedingt sollte die Metrik in ihrer abbildenden Funktion thematisiert werden: Das mögliche Schluchzen, welches Catull die Wörter geradezu verschlucken lässt, ist an den vielen Synaloephen bzw. Elisionen bestens illustriert (vgl. V. 2, 4, 5, 7, 8 und 10; siehe Erwartungshorizont ). So versucht der poeta doctus ebenso natürlich wie künstlerisch das Unaussprechliche in Worte zu fassen und seiner Trauer auf passende Weise Ausdruck zu verleihen. Form und Inhalt, Gestalt und Gehalt durchdringen sich gegenseitig (siehe Erwartungshorizont mit Kohärenzanalyse online).
Familiäre Details
Viele für die Interpretation interessante Einzelheiten lassen sich danach besprechen. Wir erfahren z.B. weder den Namen noch das Alter des verstorbenen Bruders. Beide Angaben fehlen, wodurch Catull seinem Gedicht Intimität und eine persönliche Note verleiht, da der Dichter mehr weiß als der neugierige Leser (wissen darf). Wahrscheinlich starb der Bruder in (zu) jungem Alter, was die wehmütige Interjektion in V. 6 zeigt. Über dessen Leben, Sterben und Todesumstände wird hier nichts Genaues ausgesagt; es handelt sich nicht um einen ausführlichen Nachruf. Allerdings wird das Schicksal bzw. der schicksalhafte Tod...
Altsprachlicher Unterricht
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Catull

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-12