Johanna Nickel

Sprache als Heimat?

Gemälde von Ion Theodorescu-Sion, Ovidiu în exil
Ovid nutzt das elegische Distichon als Ausdruck seiner Klage und verwendet immer wiederkehrende Verbannungsmotive wie den unwirtlichen Exilort am Ende der Welt oder die Sprachnot., Ion Theodorescu-Sion, Ovidiu în exil

Johanna Nickel

Die existenzielle Erfahrung der Sprachnot bei Ovid und in der deutschen Exilliteratur des 20. Jahrhunderts

Ovid thematisiert in seinen Exilgedichten die Sprachnot, die ihn trifft, als er in das ferne Tomi verbannt wird. Die Sprachnot traf auch Schriftsteller, Dichter und Philosophen, die in der Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland emigrieren mussten. Im Vergleich können die Lernenden die Sprachnot als existenzielles Problem und zeitlos Menschen betreffendes Phänomen verstehen.

Carl Zuckmayer brachte – aus eigener Erfahrung – die Relevanz des Themas auf den Punkt: „In jeder menschlichen Existenz ereignet sich, früher oder später, die Katastrophe der Austreibung oder Verstoßung, mit der in der biblischen Geschichte alle irdische Mühsal beginnt. Vielen Menschen tritt sie kaum ins Bewußtsein – oder sie empfinden erst später, daß sie einmal, bei einem äußerlich unbedeutenden Anlaß vielleicht, einer Umschulung, einem Orts- oder Wohnungswechsel, einem familiären Zerfall oder einem Bruch im Berufsgang, diese zwangsläufige Wiederholung, Nachspielung eines Urvorgangs durchgemacht haben – so zwangsläufig für die Gestalt des Menschen wie die Metamorphose für die vieler Tiere.1
Die Bedeutung der Sprache
Nicht immer hat diese Austreibung auch das Erleben von „Sprachnot zur Folge. Dass dieses Problem jedoch von großer Aktualität ist, zeigt die aktuelle Diskussion über Sprachkurse und Willkommensklassen für Flüchtlinge und Einwanderer in der Gegenwart. Der Sprache kommt eine große Bedeutung für das Verstehen einer Kultur und für die Teilhabe an einer Kultur zu. Umgekehrt kommt es durch fehlende Sprachkenntnisse zum Ausschluss und zum Gefühl des Ausgeschlossenseins aus der Gesellschaft der umgebenden Menschen.
Diese Erfahrung macht schon Ovid, als er vor gut 2000 Jahren nach Tomi an der Schwarzmeerküste verbannt wird, aus der Sicht des römischen Dichters an das Ende der Welt. Ovid wird im Herbst 8 n.Chr. durch Augustus verbannt; formal behält er sein Bürgerrecht und seinen Besitz – es handelt sich um eine Relegation –, er verbringt jedoch den Rest seines Lebens in Tomi, wo er im Jahr 17 n.Chr. stirbt. Die Gründe sind unsicher, Ovid selbst nennt carmen et error, und meint damit vermutlich die Ars amatoria und einen mit dem Kaiserhaus zusammenhängenden Skandal, in den er unabsichtlich geraten ist.2
Ovids Exilliteratur
Seine im Exil verfassten fünf Bücher Tristia (8 – 12 n.Chr.) und vier Bücher Epistulae ex Ponto (12 – 16 n.Chr.) dienen ihm als Möglichkeit, mit Rom in Kontakt zu bleiben, seine Lage darzustellen, seinen Wunsch nach Rückberufung zu äußern und sich selbst zu trösten. Ovid schreibt wie Cicero in Briefform und verarbeitet seine Exilerfahrung in persönlicher Betroffenheit. Auf der anderen Seite stilisiert er diese in gewohnt kunstvoller Weise: Er nutzt das elegische Distichon als Ausdruck der Klage, zieht Vergleiche zu früheren mythischen und historischen Exulanten und verwendet immer wiederkehrende Verbannungsmotive, die das subjektive Empfinden und die Klage über das Exil „am Ende der Welt ausdrücken und zuspitzen: eisige Kälte und ewiger Winter, physische und psychische Schwäche, feindselige Umgebung und Barbarenhorden sowie die Sprachnot.
Die offizielle Sprache in Tomi ist das Griechische, die Zuwanderung von Geten und Thrakern in hellenistischer Zeit führte zu einer sprachlichen Mischkultur, jedoch ist keine „Getisierung oder „Barbarisierung des Griechischen für die Bürger Tomis festzustellen, da Inschriften auf griechische literarische Bildung schließen lassen. Die Sprachwirklichkeit wird von Ovid in Trist. 5,10,35 als socia lingua beschrieben, Latein ist in Tomi wohl nicht verbreitet.3 Wenn Ovid seine Sprachprobleme in der fremdsprachigen Umgebung thematisiert, macht er sich dabei selbst zum Gegenstand seiner Dichtung, zur persona in Form des elegischen Ich.4 So ist einerseits die von diesem elegischen Ich so häufig beklagte Verschlechterung seines...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 3 / 4

Leben im Exil

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13