AXEL SCHMITT

Senecas Apocolocyntosis und die Karnevalisierung der Literatur

Mosaik mit Würfelspielern
Eine von Claudius' Strafen in der Unterwelt ist das Würfeln mit einem durchlöcherten Becher., © Jan O'Hare

AXEL SCHMITT

Die Schüler entdecken im satirischen Angriff Senecas auf den verstorbenen Kaiser Claudius Merkmale der menippeischen Satire und erkennen das Werk als Dekonstruktion des offiziellen Kaiserbildes.

Die älteste und zugleich literarisch produktivste Untergattung der Satire ist die satura Menippea, die vom römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro mit Bezug auf den griechischen Kyniker Menippos von Gadara aus dem 3. Jh. v.Chr. eingeführt wurde. Obwohl von diesem selbst keine Schriften erhalten sind, lassen sich durchaus Gattungsmerkmale der menippeischen Satire benennen: Formal gesehen liegt eine Mischung von Prosa und Vers (Prosimetrum) vor; das inhaltlich hervorstechendstes Merkmal ist eine kritische Haltung, mit der eine Wirklichkeit als Mangel, Missstand und/oder Lüge kenntlich gemacht wird. Aspekte der Negativität, der Inversion und des Ethischen werden mit ästhetischen Strukturen verknüpft, indem sich die Menippeen häufig der Übertreibung (Hyperbel) bedienen, Sachverhalte grotesk verzerren und damit Ambivalenzen erzeugen, die kritisierten Umstände spöttisch mit einem normativen Idealzustand vergleichen und nicht zuletzt ihren Gegenstand der Lächerlichkeit preisgeben.
Die Unterrichtssequenz Konzeption und methodischer Ansatz
Im Zentrum der Unterrichtssequenz steht der Versuch, die Merkmale der menippeischen Satire (Kasten 1)
Merkmale der menippeischen Satire nach Michail Bachtin
Merkmale der menippeischen Satire nach Michail Bachtin
  • Humoristische Elemente
  • Freiheit im Erfinden der Handlung und der philosophischen Idee
  • Außergewöhnliche und fantastische Situationen oder parodierende Darstellungen dienen der Suche nach der Wahrheit und der Prüfung der Wahrheit
  • Kombination von vulgären und gehobenen Bildern, Schauplätzen und Themen
  • Reflexion über die Welt und über die „letzten Fragen (mit ethisch-praktischer Tendenz)
  • Dreistufiger Aufbau: Szenen und Dialoge auf der Erde, auf dem Olymp und im Hades
  • Beobachtung aus einer ungewohnter Perspektive
  • Die Protagonisten durchleben ungewöhnliche, anormale moralisch-psychische Zustände, z.B. ungewöhnliche Träume, Spaltung der Persönlichkeit u.a.
  • Die Protagonisten bereiten Skandale, legen exzentrisches Verhalten an den Tag, halten unpassende Reden; sie verstoßen gegen die Verhaltensnormen.
  • Paradoxe Szenen durch scharfe Kontraste und widersprüchliche Verbindungen (z.B. tugendhafte Hetären)
  • Soziale Utopie in Form von Traumgeschichten oder Reisen in unbekannte Länder
  • Es werden verschiedene Gattungen in das Werk integriert, Vers- und Prosasprache wird vermischt.
  • Die eingefügten Gattungen verstärken die Vielfalt der Stile und Töne in der Menippee; die Texte treten in einen Dialog.
  • Bietet einen aktuellen, fast journalistischen/feuilletonistischen Einblick in die Probleme der Zeit.
an dem einzigen nahezu vollständig erhaltenen Text dieser Gattungstradition zu überprüfen, anhand dessen man sehr schön die stilistisch bunte, inhaltlich ausgesprochen dicht gefügte Textur einer satura veranschaulichen kann: Lucius Annaeus Senecas vermutlich Ende des Jahres 54 n.Chr. verfasste Satire auf den kurz zuvor verstorbenen römischen Kaiser Claudius (Abb. 1 ), die Apocolocyntosis Divi Claudii.
Einstieg
Die Unterrichtssequenz, die etwa 10 Stunden Zeitumfang erfordert, besteht aus drei Teilen: Als Einstieg kann ein Assoziogramm gestaltet werden, in dem der für Schüler sehr aktuelle Begriff der „Satire in der extremen Spannung zwischen Beleidigung und Kunstfreiheit problematisiert wird. Anschließend erhalten die Schüler einen kurzen Überblick über die Merkmale der menippeischen Satire nach dem russischen Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker Michail Bachtin (1895 – 1975).1
Bachtin zufolge wurde diese Gattung zu „einem Hauptträger und -vermittler des karnevalistischen Weltempfindens in der Literatur bis hin zur Gegenwart, da sie exemplarisch für die Polyphonie und Intertextualität von Literatur stehe.2 An der menippeischen...
Altsprachlicher Unterricht
Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Altsprachlicher Unterricht abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2017

Satirisches und Satire

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (2-10 Std.) Schuljahr 10-13