Anne-Christine Wünsche

Satirisches bei Martial

Ausschnitt eines Cartoons: Arzt sagt einem Patienten "Wir haben uns entschlossen, Ihren Fall einem Spezialisten zu übergeben." Im Hintergrund trägt ein Bestatter einen Sarg herein.
Der Arzt - „Halbgott in Weiß“?, Cartoon von mil. © Ioannis Milionis

Anne-Christine Wünsche

Die Schüler befassen sich mit den teilweise zeitlosen satirischen Verzerrungen in Martials Epigrammen und erkennen im Vergleich mit der heutigen Satire, welche Art von satirischer Kritik unter welchen politischen Rahmenbedingungen möglich ist.

Schmähkritik oder doch „nur Satire? Am 31. März 2016 trug der TV-Satiriker Jan Böhmermann in seiner Sendung „Neo Magazin Royale unter dem Titel „Schmähkritik ein Gedicht vor, das den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan unter Verwendung rassistischer Klischees, Fäkalhumors, derber Zoten und sexueller Obszönitäten sowie persönlicher Beleidigungen verunglimpfte.
Ausgehend von dem polarisierenden Fall „Böhmermann intendiert diese Unter-richtsreihe, den Schülerinnen und Schülern anhand des Epigrammatikers Martial eine alternative Form satirischer Kritik aufzuzeigen: hominem pagina nostra sapit (Martial, Ep. 10,4,10).
Martial als Satiriker?
Martials satirische Spottepigramme thematisieren kaleidoskopartig „von unten die Fülle des prallen Lebens. Besonders in den längeren satirischen Epigrammen werden Personen, deren Handlungsweise oder deren Charaktereigenschaften Martials Kritik provozieren, verspottet.1 Dabei verzichtet er auf ad-personam-Attacken und karikiert lieber auf humorvoll-bissige und spöttische Weise und mit einem Augenzwinkern bestimmte Berufsstände (z.B. Lehrer, Ärzte, Anwälte, Richter) und seltsame und lächerliche Charaktertypen (z.B. Erbschleicher, falsche Freunde, Heuchler, Geizhälse, Schnorrer), aber auch gesellschaftliche Unsitten und Gepflogenheiten wie „Begrüßungsbussis sowie körperliche Gebrechen und Makel (z.B. Mundgeruch, schlechte Zähne).
Zeitlose Kritik
Diese satirischen Verzerrungen sind zeitlos gültig; auch heute sind noch viele Berufsstände mit Klischees belastet, wie das Bild der „Halbgötter in Weiß oder das des chronisch faulen Beamten zeigen. Die Epigramme ermöglichen aber auch einen reizvollen Einblick in das römische Alltagsleben zur Zeit Martials, in der diese Themen eine besondere Ausprägung erfahren haben.
Mehr als 10% seiner Gedichte widmen sich in satirischer Zeichnung dem Klientelwesen; in ihnen prangert Martial sowohl die lästigen Pflichten eines Klienten als auch das fehlende Pflichtbewusstsein von Patronen an. „Als stolzer Spanier macht er das Beste aus seiner Klientenrolle, indem er seine Situation überspitzt darstellt und dadurch ironisiert. Es entsteht das folgenreiche Klischee des ‚Bettelpoeten.2 Dass dieses Thema einen so breiten Raum einnimmt, hängt aber sicherlich auch mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Klientelwesens in Rom zusammen. Denn die von Martial beschriebenen „Auswüchse und Verfehlungen würden dieses „austarierte soziale System in seinem Bestand gefährden.3
Kein offenes Anprangern
Im Unterschied zur häufig politisch motivierten modernen Satire z.B. in den gängigen Satiremagazinen übt Martial zwar Gesellschaftskritik, verzichtet jedoch auf eine offene Anprangerung der politischen Umstände. Zwar ist umstritten, ob seinen Adolationsgedichten auf den Kaiser zuweilen ein parodistischer Grundtenor zugrunde liege, aber es fehlt offene Kritik. Dies lässt sich nur aus dem historischen Kontext heraus verstehen, da sich in der Kaiserzeit infolge eines durch allgemeine Angst und Unsicherheit geprägten Lebensgefühls Dichtung weitgehend auf den privaten Raum beschränkte.
Als Angehöriger der plebs urbana musste Martial gegenüber equites und Senatoren Zurückhaltung an den Tag legen: So nennt er Eigennamen lebender Personen nur im Falle von Lob oder gleichgültigen Äußerungen. Für seine invektivischen Gedichte verwendet er „fiktive, nicht selten sprechende Namen, die oft typisch erscheinen und bestimmten Charaktermasken zugeordnet sind. [] Fiktive Personennamen hingegen ermöglichen durch direkte Anrede, Dialogisierung usw. eine lebendige, pointierte Darstellung und geben dem Hörer bzw. Leser zugleich Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob nicht er...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2017

Satirisches und Satire

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Unterricht (> 10 Std.) Schuljahr 10-13