Peter Riemer

Satire: Kritische Töne in kritischer Zeit

Gemälde: Horaz, Maecenas und Vergil
Horaz, Maecenas und Vergil, picture-alliance / © Costa/Leemage

Peter Riemer

Die antike Satire ist uns näher, als man annehmen möchte. Sie kann gerade im altsprachlichen Unterricht sehr attraktiv sein. Schülerinnen und Schüler sind aus heutigen Wahrnehmungsgewohnheiten heraus (man denke an Karikaturen/Cartoons, Satire in Film und Fernsehen, Kabarett und Comedy) offen für satirische Heiterkeit und sicherlich leicht dafür zu gewinnen, zwischen seichter Unterhaltung (Sketch) und sublimer Satire zu unterscheiden (eine Definition von Satire in Kasten 1).
Definition: Satire
Definition: Satire
Die literarische Gattung Satire ist nach antikem Verständnis eine römische Schöpfung (vgl. Quintilian, Inst. 10,1,93: satura quidem tota nostra est). Der Begriff wird seit Ennius von lanx satura = „Schüssel mit vermischtem Inhalt, Vermischtes hergeleitet, fälschlicherweise aber auch von „Satyr, dem Begleiter des Dionysos, bzw. dem Satyrspiel (Parodie im Anschluss an eine Tragödientrilogie), vgl. Petrons Satyricon.
Der moderne Begriff „Satire bezeichnet keine Gattung, sondern Werke, die von aggressiv-ironischer Rhetorik geprägt sind. Satire dient ursprünglich der didaktisch-moralischen Verspottung von schlechten Gewohnheiten und Eigenschaften, nicht der Verspottung von Einzelpersonen.
nach: B. Meyer-Sickendiek, Satire, in: G. Ueding (Hg.), Historisches Wörterbuch der Antike Bd. 8: Rhet St, Tübingen 2007, Sp. 447.
In einer jahrhundertelangen Beschäftigung mit satirischen Texten sind viele Zitate zum Allgemeingut geworden, etwa Juvenals „aufgewärmter Kohl, da der ständig wiederholte Lernstoff den Lehrern mächtig zusetzt (Iuv., 7,154: occidit miseros crambe repetita magistros), oder das immer wieder missverstandene Junctim eines „gesunden Geistes in einem gesunden Körper, das eben derselbe Juvenal nicht als gegeben angenommen, sondern als wünschenswert bezeichnet hat (Iuv., 10,356: orandum est ut sit mens sana in corpore sano). Auch das berühmte Dictum des Horaz, quasi die Maxime von Satire überhaupt, es könne einem doch nichts auf der Welt verwehren, „lachend die Wahrheit zu sagen (Hor., Serm. 1,1,24f.: ridentem dicere verum / quid vetat?), ist uns genauso vertraut wie das Bekenntnis des Juvenal, es falle einem angesichts des allgemeinen Sittenverfalls schwer, keine Satire zu schreiben: difficile est saturam non scribere (Iuv., 1,30).
Die Satire ist uns überdies sehr nahe, weil wir in diesem Genre ganz im Sinne des ridentem dicere verum den Ausdruck uneingeschränkter Meinungsäußerung sehen. Nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo im Januar 2015 wurde insbesondere dieser Anspruch auf das freie Wort in einer freien Welt verteidigt.
In der Tat ist die Satire in Gesellschaften recht gut etabliert, in denen die Freiheit kritischer Darstellung zu den Grundwerten zählt. So gab es in den 40 Jahren des Bestehens der DDR nur eine einzige – der Zensur unterworfene – Satirezeitschrift („Eulenspiegel bzw. dessen Vorläufer „Frischer Wind), in der Bundesrepublik während derselben Zeit mindestens fünf mal so viele („kaputt, „Kowalski, „pardon, „Simplicissimus, „Titanic, „Das Wespennest).
Zur Frage der Gattung
Nimmt man Quintilian beim Wort, scheint die Gattung der Satire genuin römisch zu sein, d.h. ohne griechische Vorbilder auszukommen. Er bezieht sich mit dieser Aussage einzig auf die Verssatire und deren Archegeten Lucilius und Horaz. Doch die Satire ist insgesamt weiter zu fassen und Satirisches findet sich verstreut auch in anderen Texten.
Satire im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und ihren Protagonisten hat es fernab einer bestimmten Gattungszugehörigkeit schon im klassischen Griechenland gegeben. Horaz nennt die alte attische Komödie als Bezugspunkt (Sat. 1,4,1: Eupolis atque Cratinus Aristophanesque poetae) für Lucilius und für sich selbst. Aristophanes hatte die kabarettistische Schärfe der Komödie noch voll ausgekostet und Politiker wie Kleon in seinen Rittern ode...
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Fakten zum Artikel
aus: Altsprachlicher Unterricht Nr. 2 / 2017

Satirisches und Satire

Premium-Beitrag aus "Der Altsprachliche Unterricht" Fachwissen Schuljahr 9-13